Jedes Wochenende versammeln sich in vielen deutschen Städten Nazis zu Demonstrationen. Fast ausnahmslos weht ihnen dabei der Wind in Gestalt von Antifas und bürgerlichen Nazigegnern entgegen. 2004 (Recklinghausen), 2005 (Duisburg) und 2006 (Minden) mobilisierten die “freien Kräfte” auch Heiligabend. Offenbar ohne zu befürchten, sich der Lächerlichkeit preis zu geben, posierte Weihnachten 2006 Christian Worch, fleißiger Daueranmelder auf Seiten der Rechten, mit Zipfelmütze vor dem örtlichen Sex-Kino. Die erhoffte Mobilisierende Wirkung hatte die Maskerade allerdings nicht. Sechzig nationalen Weihnachtsdemonstrierern standen 900 Mindener gegenüber.
Die Meinungen über die Streiks der Lokführer dürften ja auseinandergehen, aber dass zwei aufeinander folgende Umfragen zur Unterstützung der Streikenden völlig entgegengesetzte Ergebnisse zutage fördern, mutet schon seltsam an. Wie Jan Eggers im Blog von HR-Info rekonstruiert, zeigten in einer Umfrage von Infratest-Dimap 64 Prozent der Befragten Verständnis für den Bahnerprotest. Am nächsten Tag lautete die Schlagzeile: “Bundesbürger haben kein Verständnis für neue Streiks”. Nach einer Umfrage des Forsa-Institutes legten 66 Prozent der Befragten den GdL-KollegInnen nah, sich mit dem Angebot der Bahn zufrieden zu geben. Alles eine Frage der Formulierung: Während in der ersten Umfrage lediglich gefragt wurde: “Haben Sie Verständnis für den Streik der Lokführer?” lautete die Forsa-Frage ganz im Sinne des Bahn-Personalvorstandes: “Die (GDL) hat von der Bahn ein fünftes Angebot bekommen. Danach soll das Fahrpersonal einen eigenen Tarifvertrag, 4,5 Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung von 2000 Euro erhalten. Sollte sich die GDL mit diesem Ergebnis zufrieden geben, oder sollte sie weitere Forderungen stellen?” Die erste Umfrage wurde von der ARD und anderen Medien in Auftrag gegeben, die Zweite von Berlinpolis, einem Beratungsbüro, das sich zuvor schon für die Privatisierung der Bahn stark gemacht hatte. Honi soit qui mal y pense!
Günther Oettinger, Ministerpräsident des Landes Baden-Würtemberg, ist in die Reihe der Politiker und Wichtigtuer aufgenommen, die mit einer Torte beworfen wurden. Am Donnerstag letzter Woche überraschte ihn eine Studentin bei einer Veranstaltung zu 1-Euro-Jobs in Stuttgart mit einer Schwarzwälder Kirschtorte. Auch Oettingers Personenschützer konnten nicht verhindern, dass die regionale Spezialität das Gesicht ihres Ministerpräsidenten etwas unglücklich verfehlte. Wie ein Video der Attacke zeigt, läßt die Ausbildung der Tortenwerfer in Deutschland noch Wünsche offen. Im Vergleich mit den Klassikern (z.B. Bill Gates oder Bernard-Henri Leví) gibt es durchaus noch Spielraum für Verbesserungen.
In der Verkleidung kommt der kreative Protest zur vollen Blüte. Egal ob man belebte oder unbelebte Dinge darstellt - im Kostüm kann man seine Botschaft auf den Punkt bringen. Und das hat Tradition: einer der legendärsten Proteste in Verkleidung dürfte die Boston Tea Party gewesen sein, mit der Bürger von Boston im Dezember 1773 gegen die Abhängigkeit von der britischen Krone aufbegehrten. Es gibt kaum etwas, das Demonstranten nicht schon verkörpert haben: Kühe, Neandertaler, Kloschüssel und Wasserhahn, Linux-Pinguine, Orang-Utans, Spritzen, Spermien, Rentiere, Weihnachtsmänner, etc.pp. Die Jagd auf Bruno, den Problembären, hat z.B. zahlreiche Tierschützer in ein Bärenkostüm schlüpfen lassen. Während die einen unter dem Motto “Wir alle sind Bruno” in Berlin Jagdszenen vorführten, verwirrten die anderen als Bruno-Doppelgänger bayerische Jäger. Nicht weniger gewagt war die Aktion eines engagierten Vaters aus der Gruppe “Fathers 4 Justice”, der im Batman-Kostüm den Buckingham-Palast erklom, um gegen die Sorgerechtsregelung im Vereinigten Königreich zu protestieren. Nur am rechten Rand sind Innovationen im Verkleidungs-Metier eine Fehlanzeige. Michael Kühnen hat mit seinen Kameraden in der Szene offensichtlich Maßstäbe gesetzt. Im Mai 1978 präsentierten sich die Hamburger mit einer Eselsmaske (S.6) und dem Plakat “Ich Esel glaube immer noch, daß in Auschwitz Juden vergast wurden”. Die Aktion ist seitdem x-Mal vonKühnen-Epigonenkopiert worden. Kreativität zeigte sich dabei lediglich in der Formulierung des Textes - nach dem einleitenden Halbsatz.
Halbe in Brandenburg ist froh, dass es dieses Jahr von dem Aufmarsch rechtsradikaler Friedhofsbesucher verschont geblieben ist. Seit der Wende war der größte Soldatenfriedhof Deutschlands in dem Ort regelmäßig zum Volkstrauertag der Treffpunkt für nationale Wiedergänger. Nachdem eine Bannmeile die Ewiggesstrigen nicht von ihren Gedenkmärschen abhalten konnte, plant das Amt Schenkenländchen jetzt die Zufahrtswege zum Waldfriedhof Halbe umzugestalten. Wie Ulrich Arndt, der Amtsdirektor, heute in der Abendschau des rbb verkündet, soll dort bald die Pflasterung aufgerissen werden. Statt dessen werden schmale Waldwege entstehen, auf denen das Marschieren keinen Spass mehr bringt. Der Ansatz sollte an Wolfgang Tiefensee weitergeleitet werden.
Auch wenn die Großdemostration in Rostock und die Blockaden rund um Heiligendamm die einzigen Proteste gegen den G8-Gipfel waren, die in den Wohnzimmern der Nation ankamen, wurden hunderte Aktionen umgesetzt ohne auf die große Resonanz zu schielen. So hatte etwa die 1. Mai Demonstration der Braunschweiger Gewerkschaften ein Nachspiel in einem Park unweit des Hauptbahnhofes. Antikapitalisten besetzten einen Baum und informierten Feiertagsflaneure über ihre Kritik an dem Gipfeltreffen. Weniger revolutionär gaben sich GlobalisierungskritikerInnen bei einer Aktion in Rostock. Mit Kreide schrieben sie Parolen wie “faire Preise und Löhne” an eine Lidl-Filliale. Auch der Speckgürtel rund um Berlin war nicht vor den Aktionen der GipfelkritikerInnen sicher. In Kleinmachnow fand einen Monat vor dem Regierungstreffen in Heiligendamm ein Kaufmarsch gegen G8 statt, bei dem das Modell der Parade mit geschmückten Einkaufswagen im Kleinen umgesetzt wurde. Auch bei dieser Aktion wurden NormalbürgerInnen mit Redebeiträgen und Flugblättern die Kritik an der Institution G8 nahegebracht.
Falsche Demonstrationen haben eine lange Tradition. Spätestens seit den 1960er Jahren geben Protestierer vor, ein Anliegen zu vertreten, das die Position politischer Gegner absurd überzeichnet. Einen entschlossenen Eindruck machten die gesetzteren Herrschaften, die im September in Paris gegen den Wahn der Klimaschützer auf die Straße gingen. Unter dem Motto “Ich will CO2″ forderten sie Allradantrieb für alle und Krebs für unsere Kinder. In Frankreich gab es in diesem Jahr nicht nur mehrere Demonstrationen für das Recht auf Abgas, sondern auch eine Fake-Demonstration der Rechten, die Victor Hugo den Tod wünschen und George W. Bush bitten, in seine Gebete aufgenommen zu werden.
Protest in Farbe: In der letzten Woche empfingen Code Pink AktivistInnen die US-Außenministerin Condoleezza Rice bei einer Sitzung des Außenausschusses. Einige waren nicht in den Sitzungssaal eingelassen worden, weil sie Pink trugen, die Farbe, die sich die Friedensbewegung in den letzten Jahren zueigen gemacht hat. Eine der FriedensdemonstrantInnen drang allerdings bis zu der Chefdiplomatin vor, um Condi ihre rot bemalten Hände zu zeigen. Die Aktion, mit der die Code Pink AktivistInnen die blutige Realität des Krieges in die abstrakte außenpolitische Diskussion bringen wollten, brachte es in den USA auf die Titelseiten. In einer anderen kriegführenden Nation war auch früher schon die Farbe rot benutzt worden, um das Blut der im Krieg Ermordeten sichtbar zu machen: die Gruppe bomb London hat ein besonderes Faible für Hämoglobin. Unter anderem färbte die Gruppe 2005 den Brunnen am Trafalgar Square rot ein.
Bereits im August diesen Jahres inszenierte Greenpeace eine Aktion von “hüllenlosen Aktivisten” als Botschaft an “tatenlose Politiker”. 600 Entschlossene konfrontierten ihre nackten Körper mit dem noch vorhandenen Eis des Aletsch-Gletschers in der Schweiz. Bis 2080 werden die meisten Gletscher in den Schweizer Alpen der Erderwärmung zum Opfer gefallen sein. Ob man allerdings die dabei entstandenen Bilder als Bildschirmhintergrund anbieten muß, ist eher eine Geschmacksfrage.
Die Imatrikulationsfeier der Freien Universität Berlin schmückt sich regelmäßig mit Prominenten. Die gestrige Feier, bei der der Vorsitzende des Rates der evangelischen Kirche, Bischof Professor Huber, einen Sermon vor den jungen Studierenden hielt, stand ganz im Zeichen des Aufstiegs der Universität zur Elite. Derjenige, dem dieser Erfolg ganz alleine gehört, FU-Präsident Dieter Lenzen, wurde bei der Immatrikulation mit frenetischem Aplaus gefeiert. Der bei den Feierlichkeiten zahlreich anwesende Dieter-Lenzen-Fanclub bedachte die Erwähnung der Stichworte “Exzellenz” und “Drittmittel” mit Hochrufen und anhaltendem Applaus. Die Begeisterung, die sich auch in Sprechchören wie “Freies Denken brauch ich nicht! Dieter sprich! Dieter sprich!” und in einer Lobeshymne Bahn brach, führte dazu, dass die Rede des Präsidenten ungehört verhallte und dieser vorzeitig und wütend wie ein Nilpferd das Auditorium Maximum verließ (vielleicht auch wegen der Stinkbombe, die langsam ihre Wirkung entfaltete). Kurios an dieser exzellenten Episode ist, dass die offizielle Seite der FU von dem Ereignis berichtet, ohne dass der außerplanmäßige Verlauf mit einem Wort erwähnt würde. Immerhin ist die Rede seiner Exzellenz auf der Internetseite für all jene abrufbar, die während der Immatrikulationsfeier Probleme hatten, dem Präsidenten zu folgen. Das Bild, auf dem Kopf dieser Internetseite macht das Bild der Borniertheit gegenüber der Kritik perfekt: auf ihm sieht man Zuhörer, wie sie sich das FU-Präsidium gewünscht hätte - brav klatschend.