Nach der Blockade einer Rodungsmaschine ist eine Gegnerin des Flughafenausbaus in Frankfurt in einem absurden Schmerzensgeldverfahren freigesprochen worden. Eine Polizistin wollte die Aktivistin dafür zur Kasse bitten, dass sie sich beim Wegtragen in der Gefangenensammelstelle verletzt hatte. Die Richterin am Frankfurter Amtsgericht entschied, dass solche Verletzungen -besonders bei Polizeibeamt_innen- zum „allgemeinen Lebensrisiko“ gehören und wies die Klage ab.

Die geforderten 1.200 Euro liegen weit über dem Ergebnis eines ungewöhnlichen Vergleiches zwischen einem Castorgegner und einem ihm persönlich bekannten Polizisten. Der Ordnungshüter hatte den Demonstranten auf Schmerzensgeld verklagt, weil dieser ihm in die Hand gebissen habe. Dafür schienen ihm 4.100 Euro angemessen. Während der Gerichtsverhandlung, in der Aussage gegen Aussage stand, zückte der Beklagte einen 50 Euroschein, den der Polizist schließlich als Schadensersatz akzeptierte.

Die Aufmerksamkeit der Medien zur Fussball-Weltmeisterschaft und anderen sportlichen Großereignissen ist einfach zu groß, als dass man diese Chance ungenutzt verstreichen lassen könnte. So haben Aktivist_innen zu WM-Zeiten immer wieder Kampagnen gegen Sponsoren, Profiteure und Chauvinisten gestartet. Zur letzten WM 2006 in der Bundesrepublik gab es

  • die Abpfiff-Kampagne des deutschen Frauenrates gegen Zwangsprostitution,
  • die Fairp(l)ay-Kampagne der Kampagne für Saubere Kleidung für bessere Arbeitsbedingungen in der Sportartikel-Industrie (dieses Jahr wieder aufgelegt),
  • die Kick it!-Tour durch Berlin, während der das rassistische EU-Grenzregime, die zunehmende Überwachung, die tödliche Politik von Coca-Cola in Kolumbien, Männlichkeitswahn und Homophobie thematisiert wurden.

Heute, während der Fußball-WM in Südafrika fordert Khulumani, die Vereinigung von Opfern des Apartheidregime Entschädigungszahlungen vom Hauptsponsor Daimler. Der deutsche Konzern hatte Unimogs an Südafrika geliefert, mit denen die Repression der Freiheitsbewegung aufrecht erhalten wurde. In der Bundesrepublik wird die Kampagne unterstützt – unter anderem mit einem ungewöhnlichen Flashmob, bei dem Daimler-Repräsentanzen zum Abschuss freigegeben wurden.

Darüber hinaus fordert „Kick for one World“ die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an dem ökonomischen Potential der WM und die Möglichkeit, die Spiele zu verfolgen; Unicef und die ILO fordern die „Rote Karte gegen Kinderarbeit“ und die globale Bildungskampagne „1 goal – Bildung für alle!„. Zu den Aktivitäten in Südafrika lohnt auch ein Blick in den Hintergrund von FelS.

Um die Verbreitung homöopathischer Mittel durch die britische Pharmazie-Kette Boots zu verhindern, versammelten sich am 3o. Januar Kritiker zur kollektiven Einnahme einer Überdosis homöopathischer Präparate. In einem offenen Brief an Boots fordern die Aktivist_innen, die etablierte Kette dürfe ihre Kunden nicht durch ihr Siegel auf Globuli und Co. irreführen. Auf der Internetseite der Initiative finden sich auch Filme und Fotos von den Aktionen in mehreren Großstädten.

Foto: dpaUnter den wachsamen Augen von vierzig Polizist_innen und privaten Wachleuten ist in Mecklenburg-Vorpommern die genmanipulierte Kartoffel Amflora ausgebracht worden. Die Ordnungsmacht sicherte den Acker, um Störungen durch Gentechnik-Gegner_innen zu verhindern. In der vorangegangenen Woche hatten sich Greenpeace-Aktivist_innen vor der Lagerhalle festgekettet und einbetoniert, in dem die Saatkartofffeln lagerten und damit die Aufmerksamkeit auf die umstrittene Knollenfrucht gelenkt. Greenpeace und andere Kritiker_innen vertreten die Meinung, dass die manipulierte Kartoffel überflüssig und gesundheitsschädlich ist.

Alexander Wolodarskij, Aktivist, Künstler und als Blogger unter dem Namen shitman bekannt, konnte sich eines Kommentars zu der ukrainischen Expertenkomission nicht enthalten, die entscheidet, welche Inhalte  mit gesetzlichen Mitteln in moralische Schranken zu verweisen (vulgo: zu zensieren) sind. Im letzten November entblößten sich Wolodarskij und eine Freundin vor dem Ukrainischen Parlament und versammelter Presse, täuschten eine Kopulation an und forderten dazu eine Expertenmeinung ein. Jetzt droht den beiden eine Verurteilung zu bis zu vier Jahren Haft wegen „durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ (Hintergründe zur Situation in der Ukraine und zu seinem Fall gibt Alexander Wolodarskij im Interview mit Metronaut). Als Ausdruck der Solidarität haben sich jetzt AktivistInnen in Berlin und Hamburg vor diplomatischen Vertretungen der Ukraine entkleidet und auf die Lage der Performer aufmerksam gemacht.

Seiner Laune angemessen wurde Bernd das Brot vor etwas mehr als einem Jahr im Keller einer verlassenen Kaserne wiedergefunden. SympathisantInnen der Topf & Söhne Besetzung in Erfurt hatten den Grimme-Preis-Träger elf Tage zuvor entführt und damit ein breites Medienecho ausgelöst. Ob dabei der Hintergrund für das abgebildete Foto mit den unzweideutigen Parolen von den EntführerInnen präpariert worden ist, bleibt unklar. Die Verzweifelungstat konnte die Räumung des besetzten Geländes mit großem Aufgebot indes nicht verhindern. Die Fabrikgebäude, in denen in den 1940er Jahren Verbrennungsöfen für die deutschen Vernichtungslager produziert worden waren, wurden sofort nach der Räumung dem Erdboden gleichgemacht, das Engagement der BesetzerInnen, an diesem Ort an die lokale Geschichte zu erinnern und kulturelle Projekte zu ermöglichen, damit abrupt beendet. Auf dem Gelände hat vor kurzem ein Gartencenter aufgemacht – immerhin nicht unkommentiert.

Nein, diese Briten! Hier ist die Demokratie so parlamentarisch, dass es selbst im Parlament immer wieder zu Protesten kommt. In der Bundesrepublik ist Parlamentsprotest die Ausnahme, in Westminster scheint er die Regel zu sein. Im Wikipedia-Entrag des britischen Parlamentes finden sich dabei ziemlich skurile Aktionen: Die Fathers for Justice, Kämpfer für Väterrechte, die auch im Superman-Kostüm den Buckingham-Palast erklommen, bewarfen 2004 Premierminister Blair im Parlament mit Mehlbomben. In Anlehnung an die missglückte Sprengung des Parlaments durch Guy Fawkes nannten sie die Aktion The Fun Powder Plot. Im Zusammenhang mit dem Norirlandkonflikt gab es auch schon unangenehmere Geschosse als Mehl. Von der Zuschauertribüne wurde 1978 Mist und 1970 Tränengas geworfen. Weil es immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen war, wurde 2004 im post-9/11-Sicherheitswahn schließlich eine Glaswand zwischen Besuchern und Parlamentariern errichtet. Eine hohe Risikobereitschaft stellte im April 2009 eine Hand voll Klimaaktivisten unter Beweis: sie klebten ihre Handflächen so fest, dass sie von einer Statue im Parlament nur schwer zu trennen waren. Für den Klimaschutz stieg auch Greenpeace den Parlamentariern aufs Dach und entfaltete dort Transparente (so eine Aktion gab es auch in Paris).

Die Anhänger des ehemaligen thailändischen Premierminister Thaksin Shinawatra haben dem Blutspendeprotest eine neue Dimension gegeben. Den jüngeren Studentenbewegten klingt vielleicht noch der Slogan „Bluten für die Bildung“ nach, unter dem GegnerInnen von schlechten Studienbedingungen und Studiengebühren zur kollektiven Blutabgabe aufriefen. Zuerst mag das im Lucky Streik 1997/98 erprobt worden sein, in späteren Protestwellen wurde die Blutspende dann endgültig ins Protestrepertoire aufgenommen und 2009 sogar mit einer eigenen Internetseite bedacht. Auf der wird die Idee niedrigschwellig angepriesen:

Einfach Perso mitbringen, anmelden, spenden, lecker Brötchen essen und fertig.

Die Proteste in Bangkok und an deutschen Universitäten unterscheidet nicht nur diese Leichtigkeit oder die Tatsache, dass dort das Blut demonstrativ vor dem Präsidentenpalast vergossen wurde, während der Lebenssaft hier eingetütet und in den Krankenhauskreislauf eingespeist wurde. Die Aktionen der Studierenden hierzulande reihen sich in die mehr oder weniger spaßige Serie sprichwortgenerierter Protestformen ein (s.a. „die Bildung geht baden“, „unser letztes Hemd für die Bildung“, etc. pp.). In Thailand dagegen hat der Protest eine andere symbolische Aufladung. In einer Auseinandersetzung auf hohem Konfliktniveau zeigt das Blut, was auf dem Spiel steht. Zum einen zeigt die Opposition der Rothemden (sic!) ihre Entschlossenheit. Zum anderen erhofft sie sich aber auch Einfluss auf die anstehenden politischen Entscheidungen, indem sie mögliche Konsequenzen in dem Bild des verschütteten Blutes vorwegnimmt.

À propos Blutspendenprotest: überall auf der Welt haben sich Schwule und Lesben dagegen gewehrt, dass Blutspendedienste ihnen die Spende wegen angeblicher Gesundheitsrisiken verwehrte. In China kursierte gegen diese Politik eine Unterschriftenliste, in Südafrika behaupteten Aktivisten, bei einer konzertierten Blutspende ihre sexuelle Orientierung verschiegen zu haben, um dann die Praxis zu skandalisieren.

Im letzten Sommer machte Lubna Hussein Schlagzeilen, weil sie und ein dutzend Mitkämpferinnen von einem sudanesischen Gericht zu Stockschlägen verurteilt worden waren, nachdem sie in einem Restaurant Hosen trugen. Die Mitarbeiterin der UN hatte ihren Arbeitsvertrag gekündigt, der ihr Straffreiheit gesichert hätte, um gegen das zu Grunde liegende Gesetz vorgehen zu können. Wie zur Bestätigung des Richterspruches verprügelte die Polizei vor Beginn des Prozesses Unterstützerinnen, von denen einige aus Protest in Hosen vor dem Gericht erschienen waren. In Europa, wo dieser Kampf als ausgefochten gelten kann, wurde das Kleidungsstück im 18. Jahrhundert zur Bestimmung des Geschlechtes herangezogen, wie Heide Wahrlich in ihrem Artikel „Hose und Herrschaft“ nachzeichnet. So konnten Frauen in Hosen als Soldaten oder Matrosen anheuern. Im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts mußten Hosen tragende Frauen eine Erlaubnis des Polizeipräsidenten vorweisen. Erst Ende des Jahrhunderts setzte sich die Reformkleidbewegung, in der feministische und medizinische Motive verschmolzen dann für eine Lockerung der Kleidungsordnung ein. Nichtsdestotrotz waren Frauenrechtlerinnen weiterhin Schmähungen ausgesetzt, wenn sie sich in Hosen zeigten. Selbst im Paris der 1930er Jahre wurde Marlene Dietrich vom Bürgermeister zur persona non grata erklärt, weil sie einen Anzug trug.

Die Jeans, das universelle Symbol jugendlicher Rebellion in Ost und West, ist seit 1999 mit frauenrechtlicher Bedeutung aufgeladen worden. Damals hatte der italienische Kassationsgerichthof ein Vergewaltigungsurteil aufgehoben, weil das Opfer Jeans trug, die -so die Interpretation der obersten Richter- nicht gegen den Willen der Frau hätten ausgezogen werden können. Direkt nach der Entscheidung protestierten weibliche Abgeordnete durch das Tragen von Jeans im Parlament. Seitdem rufen Initiativen gegen sexuelle Gewalt einmal im Jahr zum Denim Day auf, an dem Jeans das Bewußtsein für Vergewaltigung schärfen sollen.

Und noch ein Jeans-Protest. Mitarbeiter des israelischen Aussenministeriums protestierten gegen die im Vergleich zu anderen staatlichen Stellen zu niedrige Bezahlung, indem sie ganz undiplmatisch in Jeans und Sandalen am Arbeitsplatz erschienen. Nachdem die Missachtung der Form schon eine hohe Eskalationsstufe darstellte, weigerten sich die Mitarbeiter auch, Telegramme weiterzuleiten und beim Besuch des russischen Aussenministers Lawrow den roten Teppich auszurollen. Dem Protokoll wurde auch an anderer Stelle nicht genügt, als der Fahrdienst sich weigerte, Staatsgäste zu befördern.

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