Bei den gegenwärtigen Außentemperaturen liegt die Idee, unbekleidet zu protestieren, vielleicht gar nicht fern. Das körperliche Wohlbefinden steht aber nur selten im Mittelpunkt, wenn sich Demonstrierende entkleiden. In den meisten Fällen geht es in erster Linie darum, (mediale) Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Ganz unverblümt sagt das ein Demonstrant des mexikanischen Movimiento de los 400 Pueblos (Bewegung der 400 Völker): „Wir sind nur Bauern. Wir haben keine anderen Waffen, das einzige was wir haben um Aufmerksamkeit zu bekommen ist unser Körper.“ Ungewohnt ist das seit John Lennon und Yoko Onos Bed-In nicht mehr, gibt aber schöne Bilder. Übrigens, wer auf die Titelseite will, tut gut daran, einen Idealkörper zu haben, sonst ist nackter Protest für Chefredakteure wesentlich uninteressanter. Das weiß auch die Tierrechtsorganisation Peta, die für ihre Dauerkampagne lieber Nackt als Pelz diverse prominente (und weibliche) Schönheiten gewinnen konnte. Aber auch beim einfachen Volk trägt die Hoffnung auf Fernsehbilder immer wieder blanke Früchte (gerne auch mit dem inszenatorischen Höhepunkt, dass etwas baden geht oder das letzte Hemd präsentiert wird) – bei Studenten, Hartz IV-Betroffenen, Rentnern, u.v.a. Die NZZ meint deshalb zum Nackt-Protest: „Wer Zuschauer will und braucht, der zieht sich heute aus. Doch das hat nichts mit Mut, Protest oder Kreativität zu tun, sondern mit Faulheit.“ Ganz so einfach ist es nicht. Immerhin ist solcher Protest nicht immer fad und billig. Es geht auch darum, offensiv mit der Verletzlichkeit des Protestkörpers umzugehen. So ist der Nackte Block/die Nackte Hilfe, die bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Polizeiketten in Bedrängnis brachte, aus einer gewaltförmigen Konfrontation hervorgegangen. Mit der Parole „Wer uns anfaßt, ist pervers“ bewegten sie sich auf den Zaun zu, der Staatsoberhäupter vor Protestierenden schützte. Nur die Bild-Zeitung hatte mal wieder nichts begriffen. Am 6. Juni 2007 frohlockte sie „Lieber Busen-Block als schwarzer Block„. In der radikalen Linken hat der politisch entblößte Körper Tradition: da waren doch die Maskierten vor dem Tunix-Kongress 1978, die Gelöbnis-GegnerInnen 1999, die Globalisierung in Genua 2001 und die Besucher einer Berliner Nazi-Kneipe 2006. Die Nacktheit kann aber auch die Solidarität mit nicht-menschlichen Tieren zum Ausdruck bringen. Tierrechtler setzen sich in maßstabsgetreue Hühnerkäfige, hüllen sich mit Kunstblut in Zellophan ein, oder spießen sich mit Stierkampfutensilien auf. Auch die Umweltbewegung setzt auf Nacktheit, z.B. beim World Naked Bike Ride den Radler einmal im Jahr begehen, um sich gegen den automobilen Verkehr durchzusetzen. Andere Nackerte sind ausdauernder. Wenn man dem US-Fernsehsender Univision glauben darf, protestieren die 400 Völker seit 2002 jeden Tag in der mexikanischen Hauptstadt.

Polylux-Beitrag zum Thema mit ein paar absurden Beispielen

Barbara Sutton: Naked Protest: Memories of Bodies and Resistance at the World Social Forum, Journal of International Women‘s Studies,  8/3 (2007), S. 139-148

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  1. Weri Moster

    Eigentlich ein super Post, aber konnt ihr spater ein wenig ausfuhrlicher sein? ;)

  2. Harald

    Lustig, ich hätte never ever für möglich gehalten dass dies in der Realität auch so umsetzbar ist :)




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