Archive for the ‘Protestkörper’ Category

Nein, diese Briten! Hier ist die Demokratie so parlamentarisch, dass es selbst im Parlament immer wieder zu Protesten kommt. In der Bundesrepublik ist Parlamentsprotest die Ausnahme, in Westminster scheint er die Regel zu sein. Im Wikipedia-Entrag des britischen Parlamentes finden sich dabei ziemlich skurile Aktionen: Die Fathers for Justice, Kämpfer für Väterrechte, die auch im Superman-Kostüm den Buckingham-Palast erklommen, bewarfen 2004 Premierminister Blair im Parlament mit Mehlbomben. In Anlehnung an die missglückte Sprengung des Parlaments durch Guy Fawkes nannten sie die Aktion The Fun Powder Plot. Im Zusammenhang mit dem Norirlandkonflikt gab es auch schon unangenehmere Geschosse als Mehl. Von der Zuschauertribüne wurde 1978 Mist und 1970 Tränengas geworfen. Weil es immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen war, wurde 2004 im post-9/11-Sicherheitswahn schließlich eine Glaswand zwischen Besuchern und Parlamentariern errichtet. Eine hohe Risikobereitschaft stellte im April 2009 eine Hand voll Klimaaktivisten unter Beweis: sie klebten ihre Handflächen so fest, dass sie von einer Statue im Parlament nur schwer zu trennen waren. Für den Klimaschutz stieg auch Greenpeace den Parlamentariern aufs Dach und entfaltete dort Transparente (so eine Aktion gab es auch in Paris).

Advertisements

Die Anhänger des ehemaligen thailändischen Premierminister Thaksin Shinawatra haben dem Blutspendeprotest eine neue Dimension gegeben. Den jüngeren Studentenbewegten klingt vielleicht noch der Slogan „Bluten für die Bildung“ nach, unter dem GegnerInnen von schlechten Studienbedingungen und Studiengebühren zur kollektiven Blutabgabe aufriefen. Zuerst mag das im Lucky Streik 1997/98 erprobt worden sein, in späteren Protestwellen wurde die Blutspende dann endgültig ins Protestrepertoire aufgenommen und 2009 sogar mit einer eigenen Internetseite bedacht. Auf der wird die Idee niedrigschwellig angepriesen:

Einfach Perso mitbringen, anmelden, spenden, lecker Brötchen essen und fertig.

Die Proteste in Bangkok und an deutschen Universitäten unterscheidet nicht nur diese Leichtigkeit oder die Tatsache, dass dort das Blut demonstrativ vor dem Präsidentenpalast vergossen wurde, während der Lebenssaft hier eingetütet und in den Krankenhauskreislauf eingespeist wurde. Die Aktionen der Studierenden hierzulande reihen sich in die mehr oder weniger spaßige Serie sprichwortgenerierter Protestformen ein (s.a. „die Bildung geht baden“, „unser letztes Hemd für die Bildung“, etc. pp.). In Thailand dagegen hat der Protest eine andere symbolische Aufladung. In einer Auseinandersetzung auf hohem Konfliktniveau zeigt das Blut, was auf dem Spiel steht. Zum einen zeigt die Opposition der Rothemden (sic!) ihre Entschlossenheit. Zum anderen erhofft sie sich aber auch Einfluss auf die anstehenden politischen Entscheidungen, indem sie mögliche Konsequenzen in dem Bild des verschütteten Blutes vorwegnimmt.

À propos Blutspendenprotest: überall auf der Welt haben sich Schwule und Lesben dagegen gewehrt, dass Blutspendedienste ihnen die Spende wegen angeblicher Gesundheitsrisiken verwehrte. In China kursierte gegen diese Politik eine Unterschriftenliste, in Südafrika behaupteten Aktivisten, bei einer konzertierten Blutspende ihre sexuelle Orientierung verschiegen zu haben, um dann die Praxis zu skandalisieren.

Im letzten Sommer machte Lubna Hussein Schlagzeilen, weil sie und ein dutzend Mitkämpferinnen von einem sudanesischen Gericht zu Stockschlägen verurteilt worden waren, nachdem sie in einem Restaurant Hosen trugen. Die Mitarbeiterin der UN hatte ihren Arbeitsvertrag gekündigt, der ihr Straffreiheit gesichert hätte, um gegen das zu Grunde liegende Gesetz vorgehen zu können. Wie zur Bestätigung des Richterspruches verprügelte die Polizei vor Beginn des Prozesses Unterstützerinnen, von denen einige aus Protest in Hosen vor dem Gericht erschienen waren. In Europa, wo dieser Kampf als ausgefochten gelten kann, wurde das Kleidungsstück im 18. Jahrhundert zur Bestimmung des Geschlechtes herangezogen, wie Heide Wahrlich in ihrem Artikel „Hose und Herrschaft“ nachzeichnet. So konnten Frauen in Hosen als Soldaten oder Matrosen anheuern. Im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts mußten Hosen tragende Frauen eine Erlaubnis des Polizeipräsidenten vorweisen. Erst Ende des Jahrhunderts setzte sich die Reformkleidbewegung, in der feministische und medizinische Motive verschmolzen dann für eine Lockerung der Kleidungsordnung ein. Nichtsdestotrotz waren Frauenrechtlerinnen weiterhin Schmähungen ausgesetzt, wenn sie sich in Hosen zeigten. Selbst im Paris der 1930er Jahre wurde Marlene Dietrich vom Bürgermeister zur persona non grata erklärt, weil sie einen Anzug trug.

Die Jeans, das universelle Symbol jugendlicher Rebellion in Ost und West, ist seit 1999 mit frauenrechtlicher Bedeutung aufgeladen worden. Damals hatte der italienische Kassationsgerichthof ein Vergewaltigungsurteil aufgehoben, weil das Opfer Jeans trug, die -so die Interpretation der obersten Richter- nicht gegen den Willen der Frau hätten ausgezogen werden können. Direkt nach der Entscheidung protestierten weibliche Abgeordnete durch das Tragen von Jeans im Parlament. Seitdem rufen Initiativen gegen sexuelle Gewalt einmal im Jahr zum Denim Day auf, an dem Jeans das Bewußtsein für Vergewaltigung schärfen sollen.

Und noch ein Jeans-Protest. Mitarbeiter des israelischen Aussenministeriums protestierten gegen die im Vergleich zu anderen staatlichen Stellen zu niedrige Bezahlung, indem sie ganz undiplmatisch in Jeans und Sandalen am Arbeitsplatz erschienen. Nachdem die Missachtung der Form schon eine hohe Eskalationsstufe darstellte, weigerten sich die Mitarbeiter auch, Telegramme weiterzuleiten und beim Besuch des russischen Aussenministers Lawrow den roten Teppich auszurollen. Dem Protokoll wurde auch an anderer Stelle nicht genügt, als der Fahrdienst sich weigerte, Staatsgäste zu befördern.

Bei den gegenwärtigen Außentemperaturen liegt die Idee, unbekleidet zu protestieren, vielleicht gar nicht fern. Das körperliche Wohlbefinden steht aber nur selten im Mittelpunkt, wenn sich Demonstrierende entkleiden. In den meisten Fällen geht es in erster Linie darum, (mediale) Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Ganz unverblümt sagt das ein Demonstrant des mexikanischen Movimiento de los 400 Pueblos (Bewegung der 400 Völker): „Wir sind nur Bauern. Wir haben keine anderen Waffen, das einzige was wir haben um Aufmerksamkeit zu bekommen ist unser Körper.“ Ungewohnt ist das seit John Lennon und Yoko Onos Bed-In nicht mehr, gibt aber schöne Bilder. Übrigens, wer auf die Titelseite will, tut gut daran, einen Idealkörper zu haben, sonst ist nackter Protest für Chefredakteure wesentlich uninteressanter. Das weiß auch die Tierrechtsorganisation Peta, die für ihre Dauerkampagne lieber Nackt als Pelz diverse prominente (und weibliche) Schönheiten gewinnen konnte. Aber auch beim einfachen Volk trägt die Hoffnung auf Fernsehbilder immer wieder blanke Früchte (gerne auch mit dem inszenatorischen Höhepunkt, dass etwas baden geht oder das letzte Hemd präsentiert wird) – bei Studenten, Hartz IV-Betroffenen, Rentnern, u.v.a. Die NZZ meint deshalb zum Nackt-Protest: „Wer Zuschauer will und braucht, der zieht sich heute aus. Doch das hat nichts mit Mut, Protest oder Kreativität zu tun, sondern mit Faulheit.“ Ganz so einfach ist es nicht. Immerhin ist solcher Protest nicht immer fad und billig. Es geht auch darum, offensiv mit der Verletzlichkeit des Protestkörpers umzugehen. So ist der Nackte Block/die Nackte Hilfe, die bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Polizeiketten in Bedrängnis brachte, aus einer gewaltförmigen Konfrontation hervorgegangen. Mit der Parole „Wer uns anfaßt, ist pervers“ bewegten sie sich auf den Zaun zu, der Staatsoberhäupter vor Protestierenden schützte. Nur die Bild-Zeitung hatte mal wieder nichts begriffen. Am 6. Juni 2007 frohlockte sie „Lieber Busen-Block als schwarzer Block„. In der radikalen Linken hat der politisch entblößte Körper Tradition: da waren doch die Maskierten vor dem Tunix-Kongress 1978, die Gelöbnis-GegnerInnen 1999, die Globalisierung in Genua 2001 und die Besucher einer Berliner Nazi-Kneipe 2006. Die Nacktheit kann aber auch die Solidarität mit nicht-menschlichen Tieren zum Ausdruck bringen. Tierrechtler setzen sich in maßstabsgetreue Hühnerkäfige, hüllen sich mit Kunstblut in Zellophan ein, oder spießen sich mit Stierkampfutensilien auf. Auch die Umweltbewegung setzt auf Nacktheit, z.B. beim World Naked Bike Ride den Radler einmal im Jahr begehen, um sich gegen den automobilen Verkehr durchzusetzen. Andere Nackerte sind ausdauernder. Wenn man dem US-Fernsehsender Univision glauben darf, protestieren die 400 Völker seit 2002 jeden Tag in der mexikanischen Hauptstadt.

Polylux-Beitrag zum Thema mit ein paar absurden Beispielen

Barbara Sutton: Naked Protest: Memories of Bodies and Resistance at the World Social Forum, Journal of International Women‘s Studies,  8/3 (2007), S. 139-148

In vielen Fällen haben ja die zu Beginn des Jahrtausends als neue Protestform gefeierten Flash-Mobs gar keine politische Ausrichtung. In letzter Zeit gibt es aber immer wieder schöne Aktionen, die nicht nur politisch gemeint sind, sondern auch so wahrgenommen werden. So etwa gestern abend auf dem Osnabrücker Katholikentag (Motto: „Du führst uns hinaus ins Weite„). Dort hatten sich Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen zum Abendgebet verabredet. Auf das Schwenken der Regenbogen-Fahne hin fielen sie sich in die Arme und küssten sich mitten unter den verblüfften – und wenn man dem Indymedia-Bericht glauben kann – größtenteils angeekelten Gläubigen. Ein Sprecher des Katholikentages sah die Veranstaltung „massiv gestört“ und wünschte sich derlei emotionale Praxis auf den privaten Rahmen beschränkt zu sehen. Kiss-Ins gab es übrigens gerade erst am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie.

Mobilisieren mit Maskerade

boston-tea-party-s.jpgIn der Verkleidung kommt der kreative Protest zur vollen Blüte. Egal ob man belebte oder unbelebte Dinge darstellt – im Kostüm kann man seine Botschaft auf den Punkt bringen. Und das hat Tradition: einer der legendärsten Proteste in Verkleidung dürfte die Boston Tea Party gewesen sein, mit der Bürger von Boston im Dezember 1773 gegen die Abhängigkeit von der britischen Krone aufbegehrten. Es gibt kaum etwas, das Demonstranten nicht schon verkörpert haben: Kühe, Neandertaler, Kloschüssel und Wasserhahn, Linux-Pinguine, Orang-Utans, Spritzen, Spermien, Rentiere, Kaninchen, Weihnachtsmänner, etc.pp. Die Jagd auf Bruno, den Problembären, hat z.B. zahlreiche Tierschützer in ein Bärenkostüm schlüpfen lassen. Während die einen unter dem Motto „Wir alle sind Bruno“ in Berlin Jagdszenen vorführten, verwirrten die anderen als Bruno-Doppelgänger bayerische Jäger. Nicht weniger gewagt war die Aktion eines engagierten Vaters aus der Gruppe „Fathers 4 Justice“, der im Batman-Kostüm den Buckingham-Palast erklom, um gegen die Sorgerechtsregelung im Vereinigten Königreich zu protestieren. Nur am rechten Rand sind Innovationen im Verkleidungs-Metier eine Fehlanzeige. Michael Kühnen hat mit seinen Kameraden in der Szene offensichtlich Maßstäbe gesetzt. Anti-Doping-ProtestIm Mai 1978 präsentierten sich die Hamburger mit einer Eselsmaske (S.6) und dem Plakat „Ich Esel glaube immer noch, daß in Auschwitz Juden vergast wurden“. Die Aktion ist seitdem x-Mal von Kühnen-Epigonen kopiert worden. Kreativität zeigte sich dabei lediglich in der Formulierung des Textes – nach dem einleitenden Halbsatz.

Blutige HändeProtest in Farbe: In der letzten Woche empfingen Code Pink AktivistInnen die US-Außenministerin Condoleezza Rice bei einer Sitzung des Außenausschusses. Einige waren nicht in den Sitzungssaal eingelassen worden, weil sie Pink trugen, die Farbe, die sich die Friedensbewegung in den letzten Jahren zueigen gemacht hat. Eine der FriedensdemonstrantInnen drang allerdings bis zu der Chefdiplomatin vor, um Condi ihre rot bemalten Hände zu zeigen. Die Aktion, mit der die Code Pink AktivistInnen die blutige Realität des Krieges in die abstrakte außenpolitische Diskussion bringen wollten, brachte es in den USA auf die Titelseiten. In einer anderen kriegführenden Nation war auch früher schon die Farbe rot benutzt worden, um das Blut der im Krieg Ermordeten sichtbar zu machen: die Gruppe bomb London hat ein besonderes Faible für Hämoglobin. Unter anderem färbte die Gruppe 2005 den Brunnen am Trafalgar Square rot ein.

Rachel Kutz-Flamenbaum: Code Pink, Raging Grannies, and the Missile Dick Chicks: Feminist Performance Activism in the Contemporary Anti-War Movement, NWSA Journal 19 (1) 2007, S. 89-105.

Bereits im August diesen Jahres inszenierte Greenpeace eine Aktion von „hüllenlosen Aktivisten“ als Botschaft an „tatenlose Politiker“. 600 Entschlossene konfrontierten ihre nackten Körper mit dem noch vorhandenen Eis des Aletsch-Gletschers in der Schweiz. Bis 2080 werden die meisten Gletscher in den Schweizer Alpen der Erderwärmung zum Opfer gefallen sein. Ob man allerdings die dabei entstandenen Bilder als Bildschirmhintergrund anbieten muß, ist eher eine Geschmacksfrage.

Can’t digest DeutschlandDie Aktionsform des puke-in hat vor allem in den Protesten gegen McDonalds Tradition (gibt’s aber auch in der Friedensbewegung). Im Juni 2006 haben Studierende der Universität der Künste in Berlin gezeigt, dass auch patriotische Imagekampagnen zum Kotzen sind. Als ihre Alma Mater im Rahmen der Sinnlos-Kampagne „Deutschland Land der Ideen“ zu einem „ausgewählten Ort“ werden sollte, kommentierten Sie die offizielle Zeremonie mit einer Kotz-Aktion, bei der sie ihren in den Landesfarben eingefärbten Mageninhalt auf die Fliesen der Uni ausbrachten.