Posts Tagged ‘Berlin’

Die Aufmerksamkeit der Medien zur Fussball-Weltmeisterschaft und anderen sportlichen Großereignissen ist einfach zu groß, als dass man diese Chance ungenutzt verstreichen lassen könnte. So haben Aktivist_innen zu WM-Zeiten immer wieder Kampagnen gegen Sponsoren, Profiteure und Chauvinisten gestartet. Zur letzten WM 2006 in der Bundesrepublik gab es

  • die Abpfiff-Kampagne des deutschen Frauenrates gegen Zwangsprostitution,
  • die Fairp(l)ay-Kampagne der Kampagne für Saubere Kleidung für bessere Arbeitsbedingungen in der Sportartikel-Industrie (dieses Jahr wieder aufgelegt),
  • die Kick it!-Tour durch Berlin, während der das rassistische EU-Grenzregime, die zunehmende Überwachung, die tödliche Politik von Coca-Cola in Kolumbien, Männlichkeitswahn und Homophobie thematisiert wurden.

Heute, während der Fußball-WM in Südafrika fordert Khulumani, die Vereinigung von Opfern des Apartheidregime Entschädigungszahlungen vom Hauptsponsor Daimler. Der deutsche Konzern hatte Unimogs an Südafrika geliefert, mit denen die Repression der Freiheitsbewegung aufrecht erhalten wurde. In der Bundesrepublik wird die Kampagne unterstützt – unter anderem mit einem ungewöhnlichen Flashmob, bei dem Daimler-Repräsentanzen zum Abschuss freigegeben wurden.

Darüber hinaus fordert „Kick for one World“ die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an dem ökonomischen Potential der WM und die Möglichkeit, die Spiele zu verfolgen; Unicef und die ILO fordern die „Rote Karte gegen Kinderarbeit“ und die globale Bildungskampagne „1 goal – Bildung für alle!„. Zu den Aktivitäten in Südafrika lohnt auch ein Blick in den Hintergrund von FelS.

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Alexander Wolodarskij, Aktivist, Künstler und als Blogger unter dem Namen shitman bekannt, konnte sich eines Kommentars zu der ukrainischen Expertenkomission nicht enthalten, die entscheidet, welche Inhalte  mit gesetzlichen Mitteln in moralische Schranken zu verweisen (vulgo: zu zensieren) sind. Im letzten November entblößten sich Wolodarskij und eine Freundin vor dem Ukrainischen Parlament und versammelter Presse, täuschten eine Kopulation an und forderten dazu eine Expertenmeinung ein. Jetzt droht den beiden eine Verurteilung zu bis zu vier Jahren Haft wegen „durch Gruppen vollzogenes Rowdytum“ (Hintergründe zur Situation in der Ukraine und zu seinem Fall gibt Alexander Wolodarskij im Interview mit Metronaut). Als Ausdruck der Solidarität haben sich jetzt AktivistInnen in Berlin und Hamburg vor diplomatischen Vertretungen der Ukraine entkleidet und auf die Lage der Performer aufmerksam gemacht.

Nein, diese Briten! Hier ist die Demokratie so parlamentarisch, dass es selbst im Parlament immer wieder zu Protesten kommt. In der Bundesrepublik ist Parlamentsprotest die Ausnahme, in Westminster scheint er die Regel zu sein. Im Wikipedia-Entrag des britischen Parlamentes finden sich dabei ziemlich skurile Aktionen: Die Fathers for Justice, Kämpfer für Väterrechte, die auch im Superman-Kostüm den Buckingham-Palast erklommen, bewarfen 2004 Premierminister Blair im Parlament mit Mehlbomben. In Anlehnung an die missglückte Sprengung des Parlaments durch Guy Fawkes nannten sie die Aktion The Fun Powder Plot. Im Zusammenhang mit dem Norirlandkonflikt gab es auch schon unangenehmere Geschosse als Mehl. Von der Zuschauertribüne wurde 1978 Mist und 1970 Tränengas geworfen. Weil es immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen war, wurde 2004 im post-9/11-Sicherheitswahn schließlich eine Glaswand zwischen Besuchern und Parlamentariern errichtet. Eine hohe Risikobereitschaft stellte im April 2009 eine Hand voll Klimaaktivisten unter Beweis: sie klebten ihre Handflächen so fest, dass sie von einer Statue im Parlament nur schwer zu trennen waren. Für den Klimaschutz stieg auch Greenpeace den Parlamentariern aufs Dach und entfaltete dort Transparente (so eine Aktion gab es auch in Paris).

Unheil für DeutscheBei den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen darf die NPD nach den letzten Hochrechnungen auf fünf bis sechs Prozent der Wählerstimmen hoffen. Die Vorstellung bereitete der Ver.di-Jugend Unbehagen und veranlaßte sie, die in Dresden zahlreich vorhandenen Wahlplakate der Nazi-Partei zu verfremden. Nach dem Eingriff der GewerkschafterInnen lasen die Hauptstadtsachsen veränderte Wahlbotschaften – etwa statt „Wir sind das Volk“

Wir sind die Volksverhetzer,

statt „Arbeit für Deutsche“

Unheil für Deutsche

und statt „Höchststrafe für Kinderschänder“

Höchststrafe für Inderschänder.

Dieser zivile elektorale Ungehorsam reiht sich ein in die Sammlung von NPD-Wahlplakaten durch die Berliner Antifa, deren öffentliche Entfernung durch SAV-Mitglieder in Rostock (in Verbindung mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung) oder die Zerstörung von NPD-Plakaten allerorten, z.B. in Nordwestmecklenburg.

klopapierWas liegt näher, als abgehobenen Entscheidungsträgern, die glauben, in der Pflege arbeitenden Menschen könne man immer noch mehr zumuten, einen Eindruck von deren Arbeitsalltag zu geben? Die PflegerInnen bedienen sich zu diesem Zweck eines sinnfälligen Mittels: sie rufen dazu auf, Politikern, den Trägern von Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten, Arbeitsagenturen, Zeitarbeitsfirmen und anderen Verantwortlichen Stuhlproben zuzuschicken. Unter dem Motto „Wir machen den Scheiß nicht mehr (weg)“, verweisen die PflegerInnen auf sinkende Löhne bei einer höheren Arbeitsbelastung. Um die Aktion vorzustellen, installierte die Initiative vor der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales eine mobile Klokabine, in der sich Passanten an Ort und Stelle solidarisch erklären konnten.  Der Scheiß-Protest kommt im Vergleich zu anderen Fäkal-Aktionen recht kontrolliert und klinisch daher. Die Internetseite zeigt mit einer Begründung für die Nutzung des „Mediums Scheiße“ und einem hisorischen Verweis, dass der Scheiss wohlüberlegt ist.

Interview zur Kampagne auf Radio Corax.

pooknit_s1Die Kreativität von Protestlern kennt keine Grenzen! Fäkalien werden nicht erst seit der EG-Agrarpolitik genutzt, um Kritik zu artikulieren. Die Jauche-Quittung für die Politiker ist legendär, aber nicht nur Bauern, die davon reichlich haben, setzen Schiete als Protestmedium ein. Exkremente eignen sich besonders als Kontrast zum Luxus. So „eimerten“ KritikerInnen der Gentrifizierung Geschäfte und Lokale der gehobenen Preisklasse, die sich in Kreuzberg ansiedeln wollten (dass die Gruppe „Klasse gegen Klasse“ später auch Handgranaten zur Explosion brachten, dürfte sie einige Sympathien gekostet haben). Auch Hamburger Pfeffersäcke dürften die Nase gerümpft haben, als unangemeldete Besucher im edlen „Le Canard“ die Tische mit Fäkalien übergossen – als Kritik an der potentiell tödlichen Praxis, mutmaßlichen Drogenhändlern Brechmittel zu verabreichen. Selbst der Bildungssektor blieb nicht von so eindeutigen Protesten verschont. Als in Hamburg die Einführung von Studiengebühren Gestalt annahm, wurde einer Vertreterin der Bildungsbehörde ein Glückwunschpaket übergeben, das Verdaungsprodukte enthielt. Und während der teils militanten Studierendenproteste 2006 fand ein Bielefelder Professor sein Büro fäkal verändert vor. Wenig kreativ im Umgang mit solchem Protest zeigte sich die Stadt Denver: als 2008 der Parteitag der Demokraten dort stattfinden sollte und das Gerücht die Runde machte, Demonstranten könnten Fäkal-Anschläge planen, verboten die Stadt-Oberen das Mitführen von Fäkalien in der Öffentlichkeit. Noch verzweifelter waren Gefangene der IRA, die die eigenen Exkremente an die Wände ihrer Zellen schmierten, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren.

Aretxaga, Begoña (2002): Dirty Protest: Symbolic Overdetermination and Gender in Northern Ireland Ethnic Violence. In: Scheper-Hughes, Nancy, San Philippe Bourgois und Philippe I. Bourgois (Hrsg.): Violence in War and Peace: An Anthology. Malden: Blackwell Publishing, S. 244-252.

Die Nachwuchsorganisation der christlichen Volksparteien hält die Erinnerung an das Mauerregime aufrecht und verbindet dieses Anliegen auf wunderbare Weise mit der tagespolitischen Debatte. Kostümiert als Angehörige der Nationalen Volksarmee marschierten die Jungpolitiker zum Jahrestag des Mauerbaus vor der Parteizentrale der Partei Die Linke auf (Fotos auf der JU-Seite). Gebrochen wurde dieser Auftritt durch Plakate mit der Aufschrift „Freiheit statt Sozialismus“ und „Früher war ich Mauerschütze, heute wähle ich links“, die die Grenzer den versammelten Pressevertretern präsentierten. Mit der Aktion dürften sie die Einführung eines Sozialismusparagraphen in der hesischen Landesverfassung verhindert haben. Böse Zungen würden die – nach Angaben der taz „frisch rasierten“ – Jungunionisten angesichts der Reaktivierung der Wahlkampfparole von 1976 wohl allerdings als ewiggestrig bezeichnen. In Bayern wäre die uniformierte Aktion wegen des neuen Militanzparagraphen im Versammlungsrecht wohl gar nicht erst genehmigt worden.

Hitler-Foto: Jerry Bowley, cc

Franz-Josef Wagner (64), Deutschlands wichtigster Meinungsmacher, geht zu weit. In seiner Bild-Kolumne „Post von Wagner“ forderte er elf Millionen Leser zum Ekel-Protest gegen das Berliner Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Weil er Angst vor dem dort ausgestellten Wachs-Hitler hat, sollen Bild-Leser die Eröffnungsfeier behindern. Wagner: „Kommt alle zur Eröffnung, um zu kotzen.“ Der Mann der schon Chaoten hofierte, die den G8-Gipfel von Heiligendamm störten, hat jeden Anstand verloren. Ein Angriff auf Eröffnungsgäste mit Magensäure (0,5 % Salzsäure) wäre gemeingefährlich. Protestkuriosa meint: Alterswahnsinn statt Altersweisheit.

Nachtrag (5. Juli 2008): Die Aufwiegelung des Porschefahrers ist offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen: Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung hat ein 41-jähriger die Leibgarde des Wachs-Hitlers beiseite gestoßen und die Führer-Figur enthauptet. Die Polizei hat ihn noch im Museum festgenommen. Nach Angaben der Berliner Morgenpost ist der Hitler-Attentäter ein ehemaliger Polizist, der seinen Dienst quittierte, „weil er nach einer 1.-Mai-Demonstration festgestellt habe, dass er auf die ‚andere Seite gehöre'“. Tagesschau online nimmt die Attacke zum Anlass, um die Wachspromiausstellungshäuser in London und Hamburg nach Anti-Hitler-Protest zu befragen. Das erstaunliche Ergebnis: während der Londoner Hitler seit 1933 immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, ist es im Hamburger Panoptikum nie zu Übergriffen auf den ambitionierten Kunstmaler oder die anderen dort ausgestellten Nazi-Größen gekommen.

Zur Europameisterschaft der Fussball-Herren und dem unvermeidlichen Farbentaumel sei noch mal an die Störungen des deutschseligen Sommermärchens anno 2006 erinnert. Die skeptischen Stimmen angesichts der omnipräsenten Beschwörung der nationalen Symbole waren stark vereinzelt. Auch „Linke“ konnte man sagen hören, schwarz-rot-geile MigrantInnen würden doch dem völkischen Konzept der Nation zuwiderlaufen. Aber ein paar schöne Aktionen, die sich die Nationalfahnen als Opfer auserkoren, gab es dann doch. Im Hamburger Schanzenviertel z.B., dem nunmehrigen Pornobrillenzentrum der Hansestadt, mußte eine an einem Baugerüst befestigte überdimensionierte Flagge dran glauben. Nicht-Nationalisten erleichterten das Staatssymbol in einer Nacht-und-Nebel-Aktion um die unterste Farbe, so dass für kurze Zeit die Farben schwarz und rot als Reminiszenz an vergangene Tage das Viertel dominierten. Eine noch destruktivere Fleißarbeit leisteten Deutschland-Hasser aus Nürnberg. Sie sammelten des nächtens eine beachtliche Menge der im Stadtbild reichlich zur Schau gestellten schwarzrotgoldenen Textilien (nach eigenen Angaben exakt 1021) um sie allesamt dem Feuer zu übereignen. Ähnliches hört man in diesem etwas weniger euphorischen Fußballjahr eher seltener.

Nachtrag (25.6.): Spätestens mit dem Erreichen des Halbfinales durch die dt. Elf hat der Fahnen-Aktivismus wieder Fahrt aufgenommen. In mehreren Städten wird wieder zum Einsammeln der Nationalfarben aufgerufen. Zum Geburtstag des Hausprojektes New Yorck 59 und der linksradikalen Zeitschrift Interim sollen Fahnenjäger Punkte sammeln. Ähnliche Aufrufe gibt es in Wuppertal, Heidelberg und Dresden. Lesenswert sind die Ergänzungen auf den entsprechenden Indymediaseiten. Da gibt es einen Hinweis auf § 90 StGB ( Die „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ kann bis zu drei Jahre Knast bringen), den Verweis auf einen erzürnten Artikel in der Nazi-Postille Junge Freiheit und die Frage, ob man Fahnen auch per Post einsenden kann.

Nachtrag (7.7.2008): Auf Indymedia ist die Verleihung des Rijkard-Cups dokumentiert, der anläßlich der EM erstmals in der Rhein-Neckar-Region ausgelobt wurde. Dabei kamen nach Angaben der VeranstalterInnen über 2.000 deutsch-nationale Fahnen und Fähnchen zusammen. Kreativer gab man sich in Greifswald, wo die deutsche Trikolore in einem Fotowettbewerb der örtlichen Antifa neuen Einsatzgebieten zugeführt wurde.

Zur Protestform des Flaggen Verbrennens in anderen Kulturkreisen gibt es auch einen schönen Clip von Extra3.

Michael Welch: Flag Burning: Moral Panic and the Criminalization of Protest, Piscataway: Aldine Transaction, 2000.

Wenn man Deutschland zum Kotzen findet, geht das auch subtiler.

Begeisterung für ExzellenzDie Imatrikulationsfeier der Freien Universität Berlin schmückt sich regelmäßig mit Prominenten. Die gestrige Feier, bei der der Vorsitzende des Rates der evangelischen Kirche, Bischof Professor Huber, einen Sermon vor den jungen Studierenden hielt, stand ganz im Zeichen des Aufstiegs der Universität zur Elite. Derjenige, dem dieser Erfolg ganz alleine gehört, FU-Präsident Dieter Lenzen, wurde bei der Immatrikulation mit frenetischem Aplaus gefeiert. Der bei den Feierlichkeiten zahlreich anwesende Dieter-Lenzen-Fanclub bedachte die Erwähnung der Stichworte „Exzellenz“ und „Drittmittel“ mit Hochrufen und anhaltendem Applaus. Die Begeisterung, die sich auch in Sprechchören wie „Freies Denken brauch ich nicht! Dieter sprich! Dieter sprich!“ und in einer Lobeshymne Bahn brach, führte dazu, dass die Rede des Präsidenten ungehört verhallte und dieser vorzeitig und wütend wie ein Nilpferd das Auditorium Maximum verließ (vielleicht auch wegen der Stinkbombe, die langsam ihre Wirkung entfaltete). Kurios an dieser exzellenten Episode ist, dass die offizielle Seite der FU von dem Ereignis berichtet, ohne dass der außerplanmäßige Verlauf mit einem Wort erwähnt würde. Immerhin ist die Rede seiner Exzellenz auf der Internetseite für all jene abrufbar, die während der Immatrikulationsfeier Probleme hatten, dem Präsidenten zu folgen. Das Foto, im Kopf dieser Internetseite macht das Bild der Borniertheit gegenüber der Kritik perfekt: auf ihm sieht man Zuhörer, wie sie sich das FU-Präsidium gewünscht hätte – brav klatschend.