Posts Tagged ‘Fahne’

flaggenessenWer es in Sachen Protest gerne exotisch mag, scheint in Süd-Korea sehr gut aufgehoben zu sein. Schon die Konfrontationen zwischen Demonstranten und Polizei sind dort etwas Besonderes. Aber man findet dort auch ungeahnte Protestformen, vor allem im nationalistischen Lager. Die Demonstrationen gegen die Vergangenheitspolitik und die gegenwärtigen Gebietsansprüche Japans treiben erstaunlich Blüten. Im Who sucks Blog findet sich eine schöne Sammlung von der nachgestellten Enthauptung des japanischen Ministerpräsidenten, über die Vierteilung eines Schweines bis hin zum ostentativen Verzehr ausländischer Flaggen. Erstaunlich ist diese Vielfalt angesichts der Tatsache, dass in Süd-Korea erst vor kurzer Zeit das Demonstrationsrecht erkämpft wurde. Bis in die 1980er Jahre wurden Proteste von der Polizei im Keim erstickt. Über andere, dem westlichen Beobachter vertrautere, Protestformen kann man hier mehr lesen.

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polizeimotorrad3Und wieder geht es um Fahnen. Geistesgegenwärtig handelte die Duisburger Polizei am vergangenen Wochenende. Als aus einer von Milli Görüs angemeldeten Demonstration gegen die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen heraus Israelfahnen attackiert wurden, die aus dem Fenster eines Mietshauses hingen, entschied sich die Einsatzleitung zu schneller Abhilfe. Um eine Eskalation zu verhindern, drangen Polizisten in die Wohnung ein und entfernten kurzerhand die Nationalsymbole, die die Gemüter erhitzt hatten. Die Lage beruhigte sich sofort. Die Beamten erhielten sogar Beifall von den DemonstrationsteilnehmerInnen. Der Wohnungseientümer, der auf dem Gehweg Parolen wie „Tod Israel“ als Reaktion auf seine Fahnen dokumentierte, sah sich nicht nur in seiner Meinungsäußerung eingeschränkt, sondern hatte zudem eine aufgebrochene Wohnungstür zu beklagen. Nachdem die Amtshandlung zuvor gerechtfertigt worden war, entschuldigte sich der Duisburger Poizeipräsident schließlich für die Aktion. Eine ganz eigene Deutung fügte der nordrhein-westfälische CDU-Generalsekretär, Hendrik Wüst, der Episode hinzu: „Am Ende kommt es noch soweit, dass ich meine Deutschlandfahne einholen muß, weil irgendjemand daran Anstoß nimmt.“ So schnell wird man als Deutschnationaler zum Opfer.

Für den Fahnen- und Wohnungsbesitzer hatte die Demonstration noch weitere Folgen: Als er zwei Stunden später nach Hause wollte, standen immer noch Jugendliche vor dem Haus, die seine Wohnung mit Wurfgeschossen eindeckten. Die Anwesende Polizei riet, man solle sich vom Fenster fernhalten. Als ein Bekannter weitere zwei Stunden später zum Rauchen auf den Balkon trat, wurde er prompt als „Scheissjude“ beschimpft. Wiederum trat die Polizei auf den Plan. Um die Situation zu deeskalieren, erteilte Sie dem Bekannten für die Wohnung einen Platzverweis.

bananenrepublikEin 62-jähriger Crailsheimer darf in seinem Garten eine verfremdete Deutschlandfahne hissen. Nachdem Kriminalpolizisten die mit einer Banane verzierte Trikolore konfisziert hatten, stellte die Staatsanwaltschaft Ellwangen die Vermittlungen wegen Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole ein. „Das öffentliche Hissen der Flagge stellt, anders als beispielsweise provokatives Aufstellen der Bundesflagge in einem Misthaufen, keine Verunglimpfung der Flagge dar, weil durch den Aufdruck der Banane nicht die Flagge selbst empfindlich geschmäht oder besonders verächtlich gemacht wird, sondern allenfalls die Bundesrepublik Deutschland konkludent als Bananenrepublik bezeichnet wird.“ Über den Kommentar des Beschuldigten zu der Angelegenheit berichtet das Hohenloher Tagblatt. Er läßt nun den Fahnenmast von einem Weihnachtsmann erklimmen, der zum Polizist umgemodelt wurde.

Ungemach drohte Schwarzrotgold auch schon von anderer Seite.

Zur Europameisterschaft der Fussball-Herren und dem unvermeidlichen Farbentaumel sei noch mal an die Störungen des deutschseligen Sommermärchens anno 2006 erinnert. Die skeptischen Stimmen angesichts der omnipräsenten Beschwörung der nationalen Symbole waren stark vereinzelt. Auch „Linke“ konnte man sagen hören, schwarz-rot-geile MigrantInnen würden doch dem völkischen Konzept der Nation zuwiderlaufen. Aber ein paar schöne Aktionen, die sich die Nationalfahnen als Opfer auserkoren, gab es dann doch. Im Hamburger Schanzenviertel z.B., dem nunmehrigen Pornobrillenzentrum der Hansestadt, mußte eine an einem Baugerüst befestigte überdimensionierte Flagge dran glauben. Nicht-Nationalisten erleichterten das Staatssymbol in einer Nacht-und-Nebel-Aktion um die unterste Farbe, so dass für kurze Zeit die Farben schwarz und rot als Reminiszenz an vergangene Tage das Viertel dominierten. Eine noch destruktivere Fleißarbeit leisteten Deutschland-Hasser aus Nürnberg. Sie sammelten des nächtens eine beachtliche Menge der im Stadtbild reichlich zur Schau gestellten schwarzrotgoldenen Textilien (nach eigenen Angaben exakt 1021) um sie allesamt dem Feuer zu übereignen. Ähnliches hört man in diesem etwas weniger euphorischen Fußballjahr eher seltener.

Nachtrag (25.6.): Spätestens mit dem Erreichen des Halbfinales durch die dt. Elf hat der Fahnen-Aktivismus wieder Fahrt aufgenommen. In mehreren Städten wird wieder zum Einsammeln der Nationalfarben aufgerufen. Zum Geburtstag des Hausprojektes New Yorck 59 und der linksradikalen Zeitschrift Interim sollen Fahnenjäger Punkte sammeln. Ähnliche Aufrufe gibt es in Wuppertal, Heidelberg und Dresden. Lesenswert sind die Ergänzungen auf den entsprechenden Indymediaseiten. Da gibt es einen Hinweis auf § 90 StGB ( Die „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ kann bis zu drei Jahre Knast bringen), den Verweis auf einen erzürnten Artikel in der Nazi-Postille Junge Freiheit und die Frage, ob man Fahnen auch per Post einsenden kann.

Nachtrag (7.7.2008): Auf Indymedia ist die Verleihung des Rijkard-Cups dokumentiert, der anläßlich der EM erstmals in der Rhein-Neckar-Region ausgelobt wurde. Dabei kamen nach Angaben der VeranstalterInnen über 2.000 deutsch-nationale Fahnen und Fähnchen zusammen. Kreativer gab man sich in Greifswald, wo die deutsche Trikolore in einem Fotowettbewerb der örtlichen Antifa neuen Einsatzgebieten zugeführt wurde.

Zur Protestform des Flaggen Verbrennens in anderen Kulturkreisen gibt es auch einen schönen Clip von Extra3.

Michael Welch: Flag Burning: Moral Panic and the Criminalization of Protest, Piscataway: Aldine Transaction, 2000.

Wenn man Deutschland zum Kotzen findet, geht das auch subtiler.