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Polizeiliche Entsorgungsnot

Aus dem Resümé der Gewerkschaft der Polizei zum Einsatz beim G8-Gipfel 2007:

Die Großflächigkeit eines Einsatzgebietes stellt auch die Logistik vor erhebliche Schwierigkeiten, was die Ver- und Entsorgung der Einsatzkräfte anbelangt. Letztlich ist aber bei diesem Einsatz nicht zu erkennen, ob man sich überhaupt Gedanken darüber gemacht hat, dass Einsatzkräfte auch menschlichen Bedürfnissen nachgehen und „entsorgen“ müssen. So wurden dienstlicherseits keine Dixie-Toiletten bereitstellt, öffentliche Einrichtungen geöffnet, Vereinbarungen mit privaten Unternehmen getroffen, dass Toilettenanlagen von den Einsatzkräften benutzt werden können.
Grundwegs alle Einsatzeinheiten bemängelten, dass während des gesamten Einsatzes die Einheiten sich selbst bemühen mussten, Entsorgungsmöglichkeiten aufzuklären. Der Frauenanteil bei den Einheiten erschwerte diese Suche insbesondere im Gelände.

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Gebißschutz, Filzstift, Chemikantenbrille, Regenhose – alles Utensilien, die der Polizei im Protestumfeld verdächtig vorkommen müssen. Stichwort passive Schutzbewaffnung, Brandsatz, Vermummung. Stern.de hat die schönsten Gründe für ein Strafverfahren während der G8-Proteste gesammelt und bebildert.

Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein und Legal Team (2007): Feindbild Demonstrant. Polizeigewalt, Militäreinsatz, Medienmanipulation. Der G8-Gipfel aus Sicht des Anwaltlichen Notdienstes. Hamburg: Assoziation A.

polizeiclownsDie Clandestine Insurgent Rebel Clown Army und ihre Ableger haben sich in den letzten Jahren zum festen Bestandteil von globalisierungskritischen, anti-militaristischen und anderen Protesten gemausert. Ihre Persiflage der uniformierten Einfalt wird in Videos beworben, in Workshops eingeübt, in Gruppen vorbereitet und von FotojournalistInnen gerne abgebildet. Die Betroffenen sind unsicher, sauer oder belustigt. Derart emotionales Tohuwabohu können natürlich weder die Behörden noch die fürsorgliche Gewerkschaft der Polizei dulden. So entwickelte die Polizeidirektion Koblenz anlässlich der Demonstration gegen die „angebliche Lagerung von Atomwaffen“ (GdP) in Büchel Auflagen, um den Aktionsradius von Clowns einzuengen. Die Analyse:

Die Menschen treten unter der Maske des Clowns in Gruppen auf. Ihr Ziel ist es, durch teilweise akrobatische Einlagen, vor allem aber durch Distanzunterschreitung, Nachäffen und durch ständiges kindlich naives Einreden, die dadurch verunsicherten Einsatzkräfte lächerlich zu machen, um so die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen.

Die Auflagen:

1. Das Mitführen von Wasserpistolen, Sprühgeräten Pumpen oder sonstigen Gegenständen, die geeignet sind, Polizeibeamte mit Seifenlaugen, Säuren oder anderen Flüssigkeiten zu bespritzen wird untersagt. … 2. Teilnehmer, die in der Aktionsform der Rebel Clowns Army auftreten …, ist es untersagt, die Einsatzkräfte zu behindern. Es ist Ihnen insbesondere untersagt, sich den Einsatzkräften weiter als bis auf drei Metern zu nähern.

Diese Auflagen erscheinen später im Monatsheft der Polizeigewerkschaft, um den KollegInnen die Angst vor Säureattaken zu nehmen. Damit die OrdnungshüterInnen bei der nächsten Demonstration auf die psychischen Belastungen durch die Clowns-Armee vorbereitetet sind, wird diese Protestform außerdem in die Ausbildung integriert. Bei der Polizeiübung „Kranich“ schlüpften zu diesem Zweck (offensichtlich ausschließlich weibliche) Anwärterinnen in Kostüme, die eine sehr offene Interpretation der Clowns-Uniform genannt werden müssen. Aus einem Restbestand deutscher Nationalfahnen zusammengenäht, wurden die Verkleidungen der naziclownPolizeiclowns sinnhaft ergänzt durch schwarzrotgeile Winkelemente, Blockflöten und Klobürsten… Á propos eigenwillige Interpretation: auch Rechtsradikale haben die Clown-Figur für sich entdeckt. In Zella-Mehlis störten clownsmaskierte Nazis einen antifaschistischen Info-Stand. Die beschränkte Kreativität in punkto Verkleidung scheint sich zu bestätigen.

Bei den gegenwärtigen Außentemperaturen liegt die Idee, unbekleidet zu protestieren, vielleicht gar nicht fern. Das körperliche Wohlbefinden steht aber nur selten im Mittelpunkt, wenn sich Demonstrierende entkleiden. In den meisten Fällen geht es in erster Linie darum, (mediale) Aufmerksamkeit für die eigene Sache zu erzeugen. Ganz unverblümt sagt das ein Demonstrant des mexikanischen Movimiento de los 400 Pueblos (Bewegung der 400 Völker): „Wir sind nur Bauern. Wir haben keine anderen Waffen, das einzige was wir haben um Aufmerksamkeit zu bekommen ist unser Körper.“ Ungewohnt ist das seit John Lennon und Yoko Onos Bed-In nicht mehr, gibt aber schöne Bilder. Übrigens, wer auf die Titelseite will, tut gut daran, einen Idealkörper zu haben, sonst ist nackter Protest für Chefredakteure wesentlich uninteressanter. Das weiß auch die Tierrechtsorganisation Peta, die für ihre Dauerkampagne lieber Nackt als Pelz diverse prominente (und weibliche) Schönheiten gewinnen konnte. Aber auch beim einfachen Volk trägt die Hoffnung auf Fernsehbilder immer wieder blanke Früchte (gerne auch mit dem inszenatorischen Höhepunkt, dass etwas baden geht oder das letzte Hemd präsentiert wird) – bei Studenten, Hartz IV-Betroffenen, Rentnern, u.v.a. Die NZZ meint deshalb zum Nackt-Protest: „Wer Zuschauer will und braucht, der zieht sich heute aus. Doch das hat nichts mit Mut, Protest oder Kreativität zu tun, sondern mit Faulheit.“ Ganz so einfach ist es nicht. Immerhin ist solcher Protest nicht immer fad und billig. Es geht auch darum, offensiv mit der Verletzlichkeit des Protestkörpers umzugehen. So ist der Nackte Block/die Nackte Hilfe, die bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm die Polizeiketten in Bedrängnis brachte, aus einer gewaltförmigen Konfrontation hervorgegangen. Mit der Parole „Wer uns anfaßt, ist pervers“ bewegten sie sich auf den Zaun zu, der Staatsoberhäupter vor Protestierenden schützte. Nur die Bild-Zeitung hatte mal wieder nichts begriffen. Am 6. Juni 2007 frohlockte sie „Lieber Busen-Block als schwarzer Block„. In der radikalen Linken hat der politisch entblößte Körper Tradition: da waren doch die Maskierten vor dem Tunix-Kongress 1978, die Gelöbnis-GegnerInnen 1999, die Globalisierung in Genua 2001 und die Besucher einer Berliner Nazi-Kneipe 2006. Die Nacktheit kann aber auch die Solidarität mit nicht-menschlichen Tieren zum Ausdruck bringen. Tierrechtler setzen sich in maßstabsgetreue Hühnerkäfige, hüllen sich mit Kunstblut in Zellophan ein, oder spießen sich mit Stierkampfutensilien auf. Auch die Umweltbewegung setzt auf Nacktheit, z.B. beim World Naked Bike Ride den Radler einmal im Jahr begehen, um sich gegen den automobilen Verkehr durchzusetzen. Andere Nackerte sind ausdauernder. Wenn man dem US-Fernsehsender Univision glauben darf, protestieren die 400 Völker seit 2002 jeden Tag in der mexikanischen Hauptstadt.

Polylux-Beitrag zum Thema mit ein paar absurden Beispielen

Barbara Sutton: Naked Protest: Memories of Bodies and Resistance at the World Social Forum, Journal of International Women‘s Studies,  8/3 (2007), S. 139-148

Hitler-Foto: Jerry Bowley, cc

Franz-Josef Wagner (64), Deutschlands wichtigster Meinungsmacher, geht zu weit. In seiner Bild-Kolumne „Post von Wagner“ forderte er elf Millionen Leser zum Ekel-Protest gegen das Berliner Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Weil er Angst vor dem dort ausgestellten Wachs-Hitler hat, sollen Bild-Leser die Eröffnungsfeier behindern. Wagner: „Kommt alle zur Eröffnung, um zu kotzen.“ Der Mann der schon Chaoten hofierte, die den G8-Gipfel von Heiligendamm störten, hat jeden Anstand verloren. Ein Angriff auf Eröffnungsgäste mit Magensäure (0,5 % Salzsäure) wäre gemeingefährlich. Protestkuriosa meint: Alterswahnsinn statt Altersweisheit.

Nachtrag (5. Juli 2008): Die Aufwiegelung des Porschefahrers ist offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen: Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung hat ein 41-jähriger die Leibgarde des Wachs-Hitlers beiseite gestoßen und die Führer-Figur enthauptet. Die Polizei hat ihn noch im Museum festgenommen. Nach Angaben der Berliner Morgenpost ist der Hitler-Attentäter ein ehemaliger Polizist, der seinen Dienst quittierte, „weil er nach einer 1.-Mai-Demonstration festgestellt habe, dass er auf die ‚andere Seite gehöre'“. Tagesschau online nimmt die Attacke zum Anlass, um die Wachspromiausstellungshäuser in London und Hamburg nach Anti-Hitler-Protest zu befragen. Das erstaunliche Ergebnis: während der Londoner Hitler seit 1933 immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, ist es im Hamburger Panoptikum nie zu Übergriffen auf den ambitionierten Kunstmaler oder die anderen dort ausgestellten Nazi-Größen gekommen.

Baumbesetzung in BraunschweigAuch wenn die Großdemostration in Rostock und die Blockaden rund um Heiligendamm die einzigen Proteste gegen den G8-Gipfel waren, die in den Wohnzimmern der Nation ankamen, wurden hunderte Aktionen umgesetzt ohne auf die große Resonanz zu schielen. So hatte etwa die 1. Mai Demonstration der Braunschweiger Gewerkschaften ein Nachspiel in einem Park unweit des Hauptbahnhofes. Antikapitalisten besetzten einen Baum und informierten Feiertagsflaneure über ihre Kritik an dem Gipfeltreffen. Weniger revolutionär gaben sich GlobalisierungskritikerInnen bei einer Aktion in Rostock. Mit Kreide schrieben sie Parolen wie „faire Preise und Löhne“ an eine Lidl-Filliale. Auch der Speckgürtel rund um Berlin war nicht vor den Aktionen der GipfelkritikerInnen sicher. In Kleinmachnow fand einen Monat vor dem Regierungstreffen in Heiligendamm ein Kaufmarsch gegen G8 statt, bei dem das Modell der Parade mit geschmückten Einkaufswagen im Kleinen umgesetzt wurde. Auch bei dieser Aktion wurden NormalbürgerInnen mit Redebeiträgen und Flugblättern die Kritik an der Institution G8 nahegebracht.

„Kuscheltier der Apokalypse“

Knut gegen G8Knut, männlicher Eisbär aus Berlin war es wohl leid, von einem Umweltminister als Maskottchen der Artenvielfaltkonferenz 2008 in Bonn eingespannt zu werden. Aus Unzufriedenheit mit der Klimapolitik der Bundesregierung und der anderen G8-Staaten beteiligte sich das Gipfelraubtier an den Protesten gegen das Politikertreffen in Heiligendamm in Berlin, Kassel und Rostock. Die „Nordpolgruppe Kassel“, die die Initiative „Knut gegen G8“ ins Leben gerufen hat, führt die schwindenden Lebensgrundlagen der Eisbären unter anderem auf die Untätigkeit der Gruppe der Acht bei der Eindämmung der Klimakatastrophe zurück. Für die Hochglanzzeitschrift Cicero Grund genug, Knut zum Kuscheltier der Apokalypse zu ernennen.

Brennende-Autos.de

Brennendes AutoNach den höchst seltsamen juristischen Konstruktionen, bei denen aus Brandanschlägen auf unbemannte Autos die Aktionen einer terroristischen Vereinigung nach § 129a wurden, ist die Seite brennende-autos.de von erfrischender Nüchternheit. Sie registriert die in Berlin abgefackelten Automobile, die mit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Verbindung gebracht wurden (und übrigens bis heute anhalten). Dabei zeigt sich eine auffällige Häufung in Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, die den Verdacht nahe legt, dass die dort ansässigen Revolutionäre kaum bereit sind, ihre Fanale in Stadtteile zu tragen, die nicht fußläufig erreichbar sind. Als Gegenbewegung kann die Aktionsform des Plattens, also der Entlüftung von Reifen bei Luxusautos, gelten. Die Aktivisten, die sich dieser Form des Umweltschutzes verschrieben haben, lassen die PKWs bis auf den Druckabfall unversehrt. Sie hinterlassen zudem ein Flugblatt, dass die Aktion erklärt und sie nehmen auch weitere Strecken in die Villengebiete der Hauptstadt in Kauf.

Nach den Brandkundgebungen und den Razzien im Vorfeld der G8-Proteste gab es ja einige Aufregung. Die Bildzeitung war natürlich in Alarmbereitschaft versetzt. Da kam der Zugriff der Hamburger Polizei gerade recht, die nach Auffassung der Zeitung zwei „Autonome“ inflagranti beim Sprühen von „‚Revolution‘ und anderen Polit-Parolen“ erwischt hatte. Dankenswerterweise existierte auchein nächtliches Blitzlichtfoto, mit dem man aufmachen konnte. Dummerweise stellte sich heraus, dass es sich bei den Festgenommenen um „stadtbekannte Neonazis“ handelte, deren Polit-Parole „Zionisten sind Mörder“ lautete und mit einem Hakenkreuz garniert war. Der/dem Bild-ReporterIn hatte die schwarze Kleidung genügt, um davon auszugehen, dass da Autonome am Boden lagen.