Posts Tagged ‘Gentrifizierung’

Die BewohnerInnen der Hamburger Hafenstraße und andere StadteilaktivistInnen wollen mit Bezug auf die Lärmschutzverordnung gegen die ausufernden Strandbars an der Elbe vorgehen. Um sich Prosecco-Fuzzis vom Leib zu halten soll mit der vollen Härte des Gesetzes gegen Ausnahmegenehmigungen für Partylärm vorgegangen werden. Nachdem „Aufwertungs“-Events auch schon mal mit Polizeigewalt unter Ausschluß der AnwohnerInnen durchgesetzt wurden, sollen die Ordnungshüter nun die Fortsetzung des Gentrifizierungsprozesses auf St. Pauli verhindern helfen.

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pooknit_s1Die Kreativität von Protestlern kennt keine Grenzen! Fäkalien werden nicht erst seit der EG-Agrarpolitik genutzt, um Kritik zu artikulieren. Die Jauche-Quittung für die Politiker ist legendär, aber nicht nur Bauern, die davon reichlich haben, setzen Schiete als Protestmedium ein. Exkremente eignen sich besonders als Kontrast zum Luxus. So „eimerten“ KritikerInnen der Gentrifizierung Geschäfte und Lokale der gehobenen Preisklasse, die sich in Kreuzberg ansiedeln wollten (dass die Gruppe „Klasse gegen Klasse“ später auch Handgranaten zur Explosion brachten, dürfte sie einige Sympathien gekostet haben). Auch Hamburger Pfeffersäcke dürften die Nase gerümpft haben, als unangemeldete Besucher im edlen „Le Canard“ die Tische mit Fäkalien übergossen – als Kritik an der potentiell tödlichen Praxis, mutmaßlichen Drogenhändlern Brechmittel zu verabreichen. Selbst der Bildungssektor blieb nicht von so eindeutigen Protesten verschont. Als in Hamburg die Einführung von Studiengebühren Gestalt annahm, wurde einer Vertreterin der Bildungsbehörde ein Glückwunschpaket übergeben, das Verdaungsprodukte enthielt. Und während der teils militanten Studierendenproteste 2006 fand ein Bielefelder Professor sein Büro fäkal verändert vor. Wenig kreativ im Umgang mit solchem Protest zeigte sich die Stadt Denver: als 2008 der Parteitag der Demokraten dort stattfinden sollte und das Gerücht die Runde machte, Demonstranten könnten Fäkal-Anschläge planen, verboten die Stadt-Oberen das Mitführen von Fäkalien in der Öffentlichkeit. Noch verzweifelter waren Gefangene der IRA, die die eigenen Exkremente an die Wände ihrer Zellen schmierten, um gegen die Haftbedingungen zu protestieren.

Aretxaga, Begoña (2002): Dirty Protest: Symbolic Overdetermination and Gender in Northern Ireland Ethnic Violence. In: Scheper-Hughes, Nancy, San Philippe Bourgois und Philippe I. Bourgois (Hrsg.): Violence in War and Peace: An Anthology. Malden: Blackwell Publishing, S. 244-252.

platt.jpg Vier Öko-AktivistInnen sprechen heute in der taz über ihre Motivation, rechtschaffenden Bürgern die Luft aus ihren Luxusautos abzulassen. Nach Recherchen der Zeitung sind in den letzten Monaten über 200 Fälle mutwillig entlüfteter PKWs polizeibekannt geworden. Eine Plattmacherin sagt im Interview: „Wir machen nichts kaputt, wir setzen ein Symbol: Stopp, so geht es nicht! Das Plätten ist eine Handlung, an der weder Autobesitzer, Hersteller noch Lobbyisten vorbeikommen. […] Das Fahren dieser Autos sehe ich als symptomatisch für eine Gesellschaft, in der noch einiges schiefläuft – zum Beispiel Besitztümer sehr ungleich verteilt sind. Und dies wird auch noch auf Kosten aller ausgelebt.“ Damit reiht sich das dégonfler in eine Reihe von Aktionen ein, mit denen auf die Auswirkungen des PS-strotzenden Individualverkehrs aufmerksam gemacht wird (ja, auch Greenpeace hatte dazu Aktionen). Während das Inbrandsetzen von Autos zweifelsfrei strafbewehrt ist, bleibt umstritten, ob das Ablassen von Luft überhaupt als Straftat (Sachbeschädigung oder gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr) einzuschätzen ist. Mit dieser Frage beschäftigt sich schon heute die nächste Generation von Juristen.

Nachtrag (27.6.2008): Geplattet wird immer noch – im Moment aus Protest gegen die Umstrukturierung von Friedrichshain.

PolizeiballettIn Erwägung, dass die Hamburger Polizei – wie vielerorts – Hausbesetzungen mit einer restriktiven Linie spätestens nach 24 Stunden beenden möchte, erlaubte man sich in dem von Gentrifizierung betroffenen Stadtteil St.Pauli die Polizei unter Vortäuschung falscher Tatsachen ins Bockshorn zu jagen. Im Mai 2004 lud eine Gruppe von Aktivisten in die Trommelstraße zum Polizeiballett. Ein paar Reihen Stühle waren für das Publikum vorbereitet und ein an der Hausnummer 6 angebrachtes Transparent mit dem Kraker-N und der Aufschrift „Besetzt“ sollte die Ordnungshüter anlocken. Die ließen nicht lange auf sich warten. Da sich das Haus jedoch als unbesetzt erwies, verließ die Polizei die Bühne ohne den Beifall des Publikums in Empfang zu nehmen.