Posts Tagged ‘Klima’

Nein, diese Briten! Hier ist die Demokratie so parlamentarisch, dass es selbst im Parlament immer wieder zu Protesten kommt. In der Bundesrepublik ist Parlamentsprotest die Ausnahme, in Westminster scheint er die Regel zu sein. Im Wikipedia-Entrag des britischen Parlamentes finden sich dabei ziemlich skurile Aktionen: Die Fathers for Justice, Kämpfer für Väterrechte, die auch im Superman-Kostüm den Buckingham-Palast erklommen, bewarfen 2004 Premierminister Blair im Parlament mit Mehlbomben. In Anlehnung an die missglückte Sprengung des Parlaments durch Guy Fawkes nannten sie die Aktion The Fun Powder Plot. Im Zusammenhang mit dem Norirlandkonflikt gab es auch schon unangenehmere Geschosse als Mehl. Von der Zuschauertribüne wurde 1978 Mist und 1970 Tränengas geworfen. Weil es immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen war, wurde 2004 im post-9/11-Sicherheitswahn schließlich eine Glaswand zwischen Besuchern und Parlamentariern errichtet. Eine hohe Risikobereitschaft stellte im April 2009 eine Hand voll Klimaaktivisten unter Beweis: sie klebten ihre Handflächen so fest, dass sie von einer Statue im Parlament nur schwer zu trennen waren. Für den Klimaschutz stieg auch Greenpeace den Parlamentariern aufs Dach und entfaltete dort Transparente (so eine Aktion gab es auch in Paris).

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Frank Loy piedMit diesen Worten begleitete eine Umweltschützerin eine Aktion während des Klimagipfels in Den Haag. Eine Mitstreiterin drückte dem Unterhändler der USA,  Frank Loy, eine Sahnetorte ins Gesicht. Die Regierung von Präsident Bill Clinton zeigte sich drei Jahre nach der Klimakonferenz von Kyoto unwillig, den Kohlendioxidausstoß der USA in einem verbindlichen Rahmen zu reduzieren. Dass so eine Aktion – noch  dazu auf dem Podium – heute, vielleicht in Poznan, gelingt, scheint wegen der erhöhten Sicherheitsmaßnahmen nicht sehr wahrscheinlich. Gründe gäbe es derweil genug. Die Klimakanzlerin hat trotz erderwärmender Worte zu Hause so ziemlich jede Gelegenheit ausgelassen, um z.B. die Auto- und Energieindustrie zum Nachdenken zu bringen.

Mehr CO2-AusstoßFalsche Demonstrationen haben eine lange Tradition. Spätestens seit den 1960er Jahren geben Protestierer vor, ein Anliegen zu vertreten, das die Position politischer Gegner absurd überzeichnet. Einen entschlossenen Eindruck machten die gesetzteren Herrschaften, die im September in Paris gegen den Wahn der Klimaschützer auf die Straße gingen. Unter dem Motto „Ich will CO2“ forderten sie Allradantrieb für alle und Krebs für unsere Kinder. In Frankreich gab es in diesem Jahr nicht nur mehrere Demonstrationen für das Recht auf Abgas, sondern auch eine Fake-Demonstration der Rechten, die Victor Hugo den Tod wünschen und George W. Bush bitten, in seine Gebete aufgenommen zu werden.

Bereits im August diesen Jahres inszenierte Greenpeace eine Aktion von „hüllenlosen Aktivisten“ als Botschaft an „tatenlose Politiker“. 600 Entschlossene konfrontierten ihre nackten Körper mit dem noch vorhandenen Eis des Aletsch-Gletschers in der Schweiz. Bis 2080 werden die meisten Gletscher in den Schweizer Alpen der Erderwärmung zum Opfer gefallen sein. Ob man allerdings die dabei entstandenen Bilder als Bildschirmhintergrund anbieten muß, ist eher eine Geschmacksfrage.

platt.jpg Vier Öko-AktivistInnen sprechen heute in der taz über ihre Motivation, rechtschaffenden Bürgern die Luft aus ihren Luxusautos abzulassen. Nach Recherchen der Zeitung sind in den letzten Monaten über 200 Fälle mutwillig entlüfteter PKWs polizeibekannt geworden. Eine Plattmacherin sagt im Interview: „Wir machen nichts kaputt, wir setzen ein Symbol: Stopp, so geht es nicht! Das Plätten ist eine Handlung, an der weder Autobesitzer, Hersteller noch Lobbyisten vorbeikommen. […] Das Fahren dieser Autos sehe ich als symptomatisch für eine Gesellschaft, in der noch einiges schiefläuft – zum Beispiel Besitztümer sehr ungleich verteilt sind. Und dies wird auch noch auf Kosten aller ausgelebt.“ Damit reiht sich das dégonfler in eine Reihe von Aktionen ein, mit denen auf die Auswirkungen des PS-strotzenden Individualverkehrs aufmerksam gemacht wird (ja, auch Greenpeace hatte dazu Aktionen). Während das Inbrandsetzen von Autos zweifelsfrei strafbewehrt ist, bleibt umstritten, ob das Ablassen von Luft überhaupt als Straftat (Sachbeschädigung oder gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr) einzuschätzen ist. Mit dieser Frage beschäftigt sich schon heute die nächste Generation von Juristen.

Nachtrag (27.6.2008): Geplattet wird immer noch – im Moment aus Protest gegen die Umstrukturierung von Friedrichshain.

„Kuscheltier der Apokalypse“

Knut gegen G8Knut, männlicher Eisbär aus Berlin war es wohl leid, von einem Umweltminister als Maskottchen der Artenvielfaltkonferenz 2008 in Bonn eingespannt zu werden. Aus Unzufriedenheit mit der Klimapolitik der Bundesregierung und der anderen G8-Staaten beteiligte sich das Gipfelraubtier an den Protesten gegen das Politikertreffen in Heiligendamm in Berlin, Kassel und Rostock. Die „Nordpolgruppe Kassel“, die die Initiative „Knut gegen G8“ ins Leben gerufen hat, führt die schwindenden Lebensgrundlagen der Eisbären unter anderem auf die Untätigkeit der Gruppe der Acht bei der Eindämmung der Klimakatastrophe zurück. Für die Hochglanzzeitschrift Cicero Grund genug, Knut zum Kuscheltier der Apokalypse zu ernennen.

Greenpeace bei PorscheWie fast alle in Deutschland ansässigen Automobilhersteller erhielt auch Porsche in Stuttgart einen Besuch von Greenpeace-Aktivisten. Die färbten einen Porsche Cayenne in schweinchenrosa ein und versahen ihn mit Schweineohren und -rüssel. Hinter dem Boliden türmte sich eine dunkle CO2-Wolke auf. Ein Transparent mit dem Firmenlogo erklärte die Aktion: „Porsche baut Klimaschweine„. Anders als andere deutsche Automobilhersteller war Porsche jedoch bestens für die Protestaktion gerüstet. Die PR-Abteilung der Firma entrollte an den Werkshallen drei Transparente, Porsche reagiertmit denen die Stuttgarter ihrer Freude über den Greenpeace-Protest Ausdruck verliehen: „Geschafft! Greenpeace demonstriert bei Porsche. Jetzt sind wir wer!“ Die Firmenstrategen nutzten die Gelegenheit, um bislang unbekannte Fakten an die Öffentlichkeit zu bringen, die belegen, dass Porsche gar nicht so schlimm ist. So hatte einE PR-ExpertIn ausgerechnet: „Porsche hat den geringsten CO2-Ausstoß pro PS“.

Brennende-Autos.de

Brennendes AutoNach den höchst seltsamen juristischen Konstruktionen, bei denen aus Brandanschlägen auf unbemannte Autos die Aktionen einer terroristischen Vereinigung nach § 129a wurden, ist die Seite brennende-autos.de von erfrischender Nüchternheit. Sie registriert die in Berlin abgefackelten Automobile, die mit den Protesten gegen den G8-Gipfel in Verbindung gebracht wurden (und übrigens bis heute anhalten). Dabei zeigt sich eine auffällige Häufung in Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, die den Verdacht nahe legt, dass die dort ansässigen Revolutionäre kaum bereit sind, ihre Fanale in Stadtteile zu tragen, die nicht fußläufig erreichbar sind. Als Gegenbewegung kann die Aktionsform des Plattens, also der Entlüftung von Reifen bei Luxusautos, gelten. Die Aktivisten, die sich dieser Form des Umweltschutzes verschrieben haben, lassen die PKWs bis auf den Druckabfall unversehrt. Sie hinterlassen zudem ein Flugblatt, dass die Aktion erklärt und sie nehmen auch weitere Strecken in die Villengebiete der Hauptstadt in Kauf.