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Nein, diese Briten! Hier ist die Demokratie so parlamentarisch, dass es selbst im Parlament immer wieder zu Protesten kommt. In der Bundesrepublik ist Parlamentsprotest die Ausnahme, in Westminster scheint er die Regel zu sein. Im Wikipedia-Entrag des britischen Parlamentes finden sich dabei ziemlich skurile Aktionen: Die Fathers for Justice, Kämpfer für Väterrechte, die auch im Superman-Kostüm den Buckingham-Palast erklommen, bewarfen 2004 Premierminister Blair im Parlament mit Mehlbomben. In Anlehnung an die missglückte Sprengung des Parlaments durch Guy Fawkes nannten sie die Aktion The Fun Powder Plot. Im Zusammenhang mit dem Norirlandkonflikt gab es auch schon unangenehmere Geschosse als Mehl. Von der Zuschauertribüne wurde 1978 Mist und 1970 Tränengas geworfen. Weil es immer wieder zu solchen Zwischenfällen gekommen war, wurde 2004 im post-9/11-Sicherheitswahn schließlich eine Glaswand zwischen Besuchern und Parlamentariern errichtet. Eine hohe Risikobereitschaft stellte im April 2009 eine Hand voll Klimaaktivisten unter Beweis: sie klebten ihre Handflächen so fest, dass sie von einer Statue im Parlament nur schwer zu trennen waren. Für den Klimaschutz stieg auch Greenpeace den Parlamentariern aufs Dach und entfaltete dort Transparente (so eine Aktion gab es auch in Paris).

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Hitler-Foto: Jerry Bowley, cc

Franz-Josef Wagner (64), Deutschlands wichtigster Meinungsmacher, geht zu weit. In seiner Bild-Kolumne „Post von Wagner“ forderte er elf Millionen Leser zum Ekel-Protest gegen das Berliner Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Weil er Angst vor dem dort ausgestellten Wachs-Hitler hat, sollen Bild-Leser die Eröffnungsfeier behindern. Wagner: „Kommt alle zur Eröffnung, um zu kotzen.“ Der Mann der schon Chaoten hofierte, die den G8-Gipfel von Heiligendamm störten, hat jeden Anstand verloren. Ein Angriff auf Eröffnungsgäste mit Magensäure (0,5 % Salzsäure) wäre gemeingefährlich. Protestkuriosa meint: Alterswahnsinn statt Altersweisheit.

Nachtrag (5. Juli 2008): Die Aufwiegelung des Porschefahrers ist offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen: Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung hat ein 41-jähriger die Leibgarde des Wachs-Hitlers beiseite gestoßen und die Führer-Figur enthauptet. Die Polizei hat ihn noch im Museum festgenommen. Nach Angaben der Berliner Morgenpost ist der Hitler-Attentäter ein ehemaliger Polizist, der seinen Dienst quittierte, „weil er nach einer 1.-Mai-Demonstration festgestellt habe, dass er auf die ‚andere Seite gehöre'“. Tagesschau online nimmt die Attacke zum Anlass, um die Wachspromiausstellungshäuser in London und Hamburg nach Anti-Hitler-Protest zu befragen. Das erstaunliche Ergebnis: während der Londoner Hitler seit 1933 immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, ist es im Hamburger Panoptikum nie zu Übergriffen auf den ambitionierten Kunstmaler oder die anderen dort ausgestellten Nazi-Größen gekommen.