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Hitler-Foto: Jerry Bowley, cc

Franz-Josef Wagner (64), Deutschlands wichtigster Meinungsmacher, geht zu weit. In seiner Bild-Kolumne „Post von Wagner“ forderte er elf Millionen Leser zum Ekel-Protest gegen das Berliner Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud. Weil er Angst vor dem dort ausgestellten Wachs-Hitler hat, sollen Bild-Leser die Eröffnungsfeier behindern. Wagner: „Kommt alle zur Eröffnung, um zu kotzen.“ Der Mann der schon Chaoten hofierte, die den G8-Gipfel von Heiligendamm störten, hat jeden Anstand verloren. Ein Angriff auf Eröffnungsgäste mit Magensäure (0,5 % Salzsäure) wäre gemeingefährlich. Protestkuriosa meint: Alterswahnsinn statt Altersweisheit.

Nachtrag (5. Juli 2008): Die Aufwiegelung des Porschefahrers ist offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen: Kurz nach der Eröffnung der Ausstellung hat ein 41-jähriger die Leibgarde des Wachs-Hitlers beiseite gestoßen und die Führer-Figur enthauptet. Die Polizei hat ihn noch im Museum festgenommen. Nach Angaben der Berliner Morgenpost ist der Hitler-Attentäter ein ehemaliger Polizist, der seinen Dienst quittierte, „weil er nach einer 1.-Mai-Demonstration festgestellt habe, dass er auf die ‚andere Seite gehöre'“. Tagesschau online nimmt die Attacke zum Anlass, um die Wachspromiausstellungshäuser in London und Hamburg nach Anti-Hitler-Protest zu befragen. Das erstaunliche Ergebnis: während der Londoner Hitler seit 1933 immer wieder Anfeindungen ausgesetzt war, ist es im Hamburger Panoptikum nie zu Übergriffen auf den ambitionierten Kunstmaler oder die anderen dort ausgestellten Nazi-Größen gekommen.

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In vielen Fällen haben ja die zu Beginn des Jahrtausends als neue Protestform gefeierten Flash-Mobs gar keine politische Ausrichtung. In letzter Zeit gibt es aber immer wieder schöne Aktionen, die nicht nur politisch gemeint sind, sondern auch so wahrgenommen werden. So etwa gestern abend auf dem Osnabrücker Katholikentag (Motto: „Du führst uns hinaus ins Weite„). Dort hatten sich Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Ausrichtungen zum Abendgebet verabredet. Auf das Schwenken der Regenbogen-Fahne hin fielen sie sich in die Arme und küssten sich mitten unter den verblüfften – und wenn man dem Indymedia-Bericht glauben kann – größtenteils angeekelten Gläubigen. Ein Sprecher des Katholikentages sah die Veranstaltung „massiv gestört“ und wünschte sich derlei emotionale Praxis auf den privaten Rahmen beschränkt zu sehen. Kiss-Ins gab es übrigens gerade erst am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie.

Can’t digest DeutschlandDie Aktionsform des puke-in hat vor allem in den Protesten gegen McDonalds Tradition (gibt’s aber auch in der Friedensbewegung). Im Juni 2006 haben Studierende der Universität der Künste in Berlin gezeigt, dass auch patriotische Imagekampagnen zum Kotzen sind. Als ihre Alma Mater im Rahmen der Sinnlos-Kampagne „Deutschland Land der Ideen“ zu einem „ausgewählten Ort“ werden sollte, kommentierten Sie die offizielle Zeremonie mit einer Kotz-Aktion, bei der sie ihren in den Landesfarben eingefärbten Mageninhalt auf die Fliesen der Uni ausbrachten.

No hugs please

Stau im FlugzeugVictoria Sharts, die Rektorin der Julian Middle School in Oak Parks (Illinois), hat an ihrer Schule ein Umarmungsverbot verhängt. Vor allem Massenumarmungen hätten immer wieder zu Verstopfungen auf den Gängen und Verspätungen im Schulbetrieb geführt. Nachdem die Vorschrift ein breites Medienecho ausgelöst hatte, beeilte sich die Schulvorsteherin zu ergänzen, dass das Verbot lediglich extreme Umarmungen betreffe. Einige SchülerInnen zeigten sich uneinsichtig und protestierten mit einem Hug-In vor der Lehranstalt. Vor den interessierten Augen der US-amerikanischen Fernsehöffentlichkeit fielen sie sich vor der Schule demonstrativ in die Arme.

Schick in StrickDie Friedensbewegung der 1980er Jahre wußte die Aktionsformen der Studentenbewegung zu variieren. Nach Sit-In, Teach-In und Love-In kam im Umfeld der Blockaden von US-Militärbasen das Strick-In dazu (von Puke-In und co. ist vielleicht an anderer Stelle mal die Rede). Auch heute feiert das Polit-Stricken fröhliche Urständ – weniger in Deutschland, aber verstärkt in der angloamerikanischen Bewegung gegen den Krieg im Irak und gegen die G8. Während dem Strick-In hierzulande ein wenig das Geschmäckle des Grünen-Parteitags anhängt, haben Stricklieseln weltweit alte Handarbeitstraditionen entdeckt, um ihre Botschaften zu vermitteln. Street-Art-KünstlerInnen z.B. stricken öffentliches Mobiliar ein, Anti-Sweatshop-AktivistInnen duplizieren Logos in Strick und PazifistInnen verpassen Kriegsgerät eine wärmende rosa Hülle. Aber auch Nichtregierungsorganisationen rufen zum Strick-Aktivismus auf. So ließ die End Water Poverty Coalition einen Fluß stricken, um auf den Mangel an sauberem Trinkwasser hinzuweisen.

Heiraten gegen NazisDer Protest gegen den Nazi-Laden „East-Coast-Corner“ in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt in Rostock nimmt neue Formen an. Nach Demonstrationen, Flash-Mobs und militanten Aktionen (zuletzt am Samstag), gab es am Samstag ein Wed-In. Nicht ganz: wed-in würde bedeuten, dass sich ein Paar am Ort des Protestes trauen läßt. Die Liebenden aus Rostock führten ihre Hochzeitsgesellschaft aber nach der kirchlichen Trauung zu dem Laden, um auf Plakaten Ihre Ablehnung zu zeigen. Gäste aus aller Welt wiesen mit Plakaten auf ihre Herkunft hin. Das Ehepaar erklärte: „Wir freuen uns über unsere Gäste aus der ganzen Welt. Wenn sich Rechtsextremismus hier weiter ausbreiten kann, werden garantiert weniger von ihnen, aber auch weniger Touristen kommen. Das bereitet uns Sorgen und muss verhindert werden.“